„Eine weitere Liberalisierung des Arbeitsmarkts in Frankreich ist absolut notwendig“

Aus verschiedenen Blickwinkeln schaut der Kontinent aktuell auf unseren westlichen Nachbarn. So steht das Land wegen der Proteste um die neue Arbeitsmarktgesetzgebung in den Schlagzeilen. Daneben schwelt die Angst um mögliche weitere Terror-Anschläge und schließlich war Frankreich bis Sonntag für vier Wochen der Nabel der europäischen Fußballwelt. Gründe genug, um bei Michael Gierse, Aktienfondsmanager bei Union Investment, einmal nachzufragen, wie es um die zweitgrößte Volkswirtschaft der Eurozone bestellt ist.

Michael Gierse, Aktienfondsmanager bei Union Investment

Herr Gierse, ein traditionell starker Wirtschaftszweig in Frankreich ist der Tourismus. Wie sehen Sie die Entwicklung im aktuellen Umfeld?

Was den meisten gar nicht so bewusst ist: Frankreich ist das beliebteste Reiseland der Welt, noch deutlich vor den ähnlich attraktiven USA und Spanien. Dennoch hat der Touristen-Strom in den vergangenen Monaten nachgelassen. Dafür verantwortlich ist unter anderem die rückläufige Zahl asiatischer Besucher. Ein Fakt, unter dem auch die französischen Luxusgüterhersteller leiden. Allerdings waren es wohl vor allem Sicherheitsbedenken, die seit Jahresanfang für einen Rückgang des Tourismus um rund vier Prozent gesorgt haben. Wir merken das auch bei unseren Branchen-Events. Verschiedene Kapitalmarkt-Konferenzen in Paris haben selbst kurz vor Beginn noch freie Plätze. Insbesondere die angelsächsischen Teilnehmer bleiben aufgrund der latenten Terror-Gefahr immer öfter zu Hause. Vom Tourismus-Sektor sind also keine großen Sprünge zu erwarten.

Welche Branchen können stattdessen punkten?

Auf jeden Fall die traditionell starken großen Drei: Luftfahrt, Automobile und Bau. Das Orderbuch von Airbus liegt mit einem Bestand von rund sieben Jahren auf Rekordniveau. Allein die Auslieferungen der in immer kürzerer Zeit produzierten Flugzeuge vom Typ A380 tragen pro Stück mit rund 250 Millionen Euro zum französischen Bruttoinlandsprodukt bei. Auch die großen Automobilhersteller wie Renault oder Peugeot legen, vor allem dank ihrer starken Position in Südeuropa und im Kleinwagensegment, zu. Und der Bau profitiert von einer Sonderkonjunktur, die die Hollande-Regierung mit der steuerlichen Förderung von Eigenheimen ausgelöst hat.

Stichwort François Hollande. Der Staatspräsident scheitert mit seiner geplanten, umfangreichen Arbeitsmarktreform am Widerstand der Gewerkschaften. Wie beurteilen Sie die Situation?

Grundsätzlich ist eine weitere Liberalisierung des Arbeitsmarkts in Frankreich absolut notwendig. Spanien – das sich neben der Stabilisierung des Finanzsektors vor allem die Senkung der Arbeitslosigkeit auf die Fahnen geschrieben hatte – zeigt, dass eine solche Reform durchaus Dynamik entfalten kann. Allerdings ist die Macht der Gewerkschaften und damit auch die Streikbereitschaft in Frankreich traditionell hoch. Auch deshalb verfährt Hollande – der wenig Rückhalt in der Bevölkerung genießt und vor allem aufgrund der starken Ablehnung gegenüber seinem Konkurrenten Sarkozy gewählt wurde – bei Reformen nach dem Motto „Zwei Schritte vor, anderthalb zurück“. Und zumindest kleinere Erfolge konnte er damit verbuchen: So wurden Unternehmen in den letzten Jahren unter anderem durch die sogenannte „Steuergutschrift für Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung“ entlastet. Sogar die Konzerne mit Staatsbeteiligung wie Renault oder Air France passten sich in der jüngeren Vergangenheit immer flexibler den sich ändernden Gegebenheiten an. Eine weitere Liberalisierung des Arbeitsmarktes würde den Unternehmen aber sicherlich noch mehr Handlungsspielraum geben. Und auch von den Wahlen im kommenden Jahr und einem neuen Präsidenten erhofft man sich Impulse, etwa für das Konsumentenvertrauen.

Wie bewerten die Unternehmen, mit denen Sie im Austausch sind, die Wachstumsaussichten?

Verglichen mit den vergangenen drei Jahren empfinde ich die Stimmung unter französischen Unternehmen heute als optimistischer. Die beschriebenen Fiskalmaßnahmen sorgen, unter anderem im Bausektor, für Dynamik. Allerdings ist Frankreich natürlich eng mit den europäischen Handelspartnern verwoben, eine nachlassende Wirtschaftsentwicklung in der Eurozone würde auch an der „Grande Nation“ nicht spurlos vorbeigehen. Ein Vorteil bleibt hingegen das konstante Bevölkerungswachstum, womit der Konsum fortlaufend unterstützt wird. So lag auch das Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal 2016 mit einem Anstieg um 0,6 Prozent im Vorjahresvergleich über den Erwartungen. Es bleibt aber abzuwarten, ob dieses Tempo auch im weiteren Jahresverlauf aufrechterhalten werden kann.
 

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