Chancen am Aktienmarkt

Brexit und Wahlen in Europa, Trump im Weißen Haus, die Zinswende in den USA: Der Sorgenliste zum Trotz kannten die Aktienmärkte seit Jahresbeginn lange Zeit nur eine Richtung – nach oben. Die starke Aktienrallye wurde spätestens Anfang August von der USA-Nordkorea-Krise unterbrochen. Der Konflikt bewegte die Börsen weltweit, der Zickzackkurs nahm wieder Fahrt auf. Wie geht es an den Börsen weiter? Welche Chancen und Risiken bestehen für internationale Aktien, und welche Strategie verfolgt Union Investment in dieser Gemengelage? Darüber haben wir mit Benjardin Gärtner, Leiter Portfoliomanagement Aktien bei Union Investment, gesprochen.
Benjardin Gärtner

Herr Gärtner, die einen sprechen von „guter Laune bei bleibenden Risiken“, die anderen nennen es „Ruhe vor dem Abschwung“. Wie schätzen Sie das wirtschaftliche Umfeld für die Aktienmärkte in den kommenden Monaten ein?
Die Wahrscheinlichkeit für eine Rezession ist derzeit sehr gering. Wir sehen für die nächsten neun bis zwölf Monate keine Anzeichen dafür. Vor allem in Europa und China gehen die Risiken zurück. Deswegen sind wir sehr zuversichtlich für die Entwicklung der Unternehmensgewinne und die Entwicklung am Aktienmarkt in den kommenden Monaten.

Was könnte den Aufwärtstrend gefährden?
Insgesamt sehen wir wenige mögliche Störfeuer für die Aktienmärkte. Am ehesten könnte eine geopolitische Krise durch eine militärische Auseinandersetzung zwischen den USA und Nordkorea Einfluss auf die weltweiten Aktienmärkte haben. Zuversichtlich macht uns auch, dass die Aussagen oder Tweets von Donald Trump kaum noch Einfluss auf die Aktienkurse haben.

Wie sieht Ihre Anlagestrategie im Spannungsfeld zwischen Börsenbewertung auf der einen und operativer Situation der Unternehmen auf der anderen Seite aus?
Sehr positiv stimmt uns eine Umfrage von Standard & Poor´s bei den Unternehmen. Diese hat ergeben, dass Unternehmen deutlich mehr investieren als in den vergangenen Jahren. Das zeigt uns, dass nicht nur die Aktienkurse derzeit positiv laufen, sondern auch die CEOs wieder optimistischer und mutiger gestimmt sind. Aufgrund dessen sind wir in unseren Aktienprodukten derzeit voll investiert. Wir haben taktisch aber Gewinne in den vergangenen Wochen mitgenommen. Wenn wir eines aus früheren Aktienkrisen gelernt haben, dann nämlich, dass man als Investor bei den Bewertungen sehr diszipliniert sein muss. Deswegen sollte man ein Portfolio mit hohen durchschnittlichen Kurs-Gewinn-Verhältnisse vermeiden. Die Bewertungen bleiben im Zusammenhang mit weiter niedrigen Zinsen akzeptabel und lassen noch Platz für weitere Kursgewinne.

Wie ist Ihr Portfolio vor diesem Hintergrund derzeit aufgestellt?
Insgesamt haben wir unsere Aktienallokation leicht reduziert. Bei der Titel- und Sektorenauswahl haben wir uns aber mutiger aufgestellt und eine höhere Gewichtung auf Zykliker gelegt. Dabei haben wir vor allem unsere Investments bei europäischen Banken erhöht. Diese sind durch die gestiegene Regulierung mit höheren Anforderungen beim Eigenkapital besser und stabiler aufgestellt und nicht mehr so leicht „umzupusten“. Zudem sind die Bewertungen weiterhin günstig. Im Fokus stehen für uns Banken aus Frankreich, Spanien oder den Niederlanden. Dort ist der Konkurrenzkampf nicht so hoch wie in Deutschland.

Werfen wir konkret einen Blick auf einzelne Sektoren: Was waren die größten Branchenumschichtungen seit Anfang 2017?
Letztendlich hängt das immer von der jeweiligen Portfolioausrichtung des einzelnen Fonds ab. In einem breiten global diversifizierten Portfolio haben wir die Positionierung bei europäischen Banken um etwa drei Prozent erhöht. Abgebaut haben wir hingegen seit Jahresbeginn defensive Konsumgüteraktien. Diese Titel sind sehr stark gelaufen und geraten inzwischen etwas unter Druck, weil sie die hohen Bewertungen nicht immer rechtfertigen. Regional betrachtet haben wir einen nennenswerten Abbau insbesondere in den USA vollzogen. Hier kommen auch bei vielen Unternehmen strukturelle Sorgen hinzu. Die Nahrungsmittelindustrie beispielsweise muss sich teilweise mit veränderten Ernährungsgewohnheiten auseinandersetzen.

Welche Branche ist derzeit besonders attraktiv?
Weiterhin positiv sehen wir Tech-Aktien. In globalen und europäischen Portfolios sind wir in diesem Bereich zum Teil nennenswert übergewichtet. Wir sehen dort keine Blase oder Überbewertung. Man muss allerdings auch differenzieren. Insgesamt betrachtet werden die Digitalisierung und Investitionen von Unternehmen in die IT starke Treiber für die Tech-Titel bleiben. In Technik, IT und Digitalisierung müssen nahezu alle Firmen weltweit investieren. Dieser Trend bleibt uns noch viele Jahre erhalten.