Keine Angst vor alten Bekannten

Waren und Dienstleistungen kosteten im Euroraum im Januar 2017 durchschnittlich rund 1,8 Prozent mehr als noch ein Jahr zuvor. Die Teuerungsrate ist damit auf den höchsten Stand seit vier Jahren geklettert – das Gespenst der Deflation, also der Preisverfall für Waren, scheint vertrieben. Kommt die Inflation, ein alter Bekannter, zurück?

Grund für die höhere Teuerungsrate ist vor allem der erholte Ölpreis infolge der OPEC-Einigung auf eine Förderkürzung und damit ein statistischer Basiseffekt. Da der Ölpreis vor einem Jahr einen enormen Sinkflug hingelegt hat, ist die Inflationsrate, die die aktuellen Preise eines Warenkorbs u.a. von Benzin mit denen im Vorjahr vergleicht, nun relativ hoch.

Auch in den Erwartungen der Marktteilnehmer spiegelt sich eine anziehende Teuerung wider: Die langfristigen Inflationserwartungen sind nach der US-Wahl im November 2016 in die Höhe geschnellt. Die Märkte rechnen seit Trumps Wahl mit einem Konjunkturpaket, das stimulierend auf die US-Wirtschaft wirken sollte. Da in den USA nahezu Vollbeschäftigung herrscht, würden mehr Aufträge zu höheren Lohnforderungen führen, wodurch die Kosten der Unternehmen steigen dürften. Sie würden das auf die Produkte umlegen und es würde Inflation entstehen. Außerdem könnten auch die Arbeitnehmer aufgrund der höheren Löhne mehr Waren nachfragen, was zu einem Preisanstieg führt. Diese Annahme hat Abstrahlungseffekte auf die langfristigen Teuerungserwartungen im Euroraum. Doch es ist fraglich, ob sich diese tatsächlich in höheren Preisen niederschlagen werden. Das Bild in Europa wirft nämlich mehr Fragen auf: Ein mäßiges wirtschaftliches Wachstum unter Potenzial und eine vergleichsweise hohe Arbeitslosigkeit sprechen nicht gerade für eine stark ansteigende Inflation. Der Fortgang des Brexit sowie die anstehenden Wahlen in wichtigen EU-Ländern erzeugen zudem Unsicherheit.

Die spannende Frage ist also: Ist der aktuelle Anstieg der Inflationsrate auch nachhaltig? Klar ist: Das Deflations-Gespenst ist vertrieben. Auf in die Höhe schnellende Preise müssen wir uns aber auch erst einmal nicht einstellen. Die Inflationsrate dürfte in den kommenden Monaten zwar weiter ansteigen – alleine schon aufgrund des erholten Ölpreises – aber nur moderat. Der statistische Effekt beim Öl wird im Jahresverlauf abnehmen, da der Ölpreis sich bereits 2016 zu erholen begann. Außerdem mangelt es hierzulande an ökonomischen Treibern. Mittelfristig rechnen wir daher für die Eurozone mit einer moderaten Teuerung: Für das Jahr 2017 halten wir eine Teuerungsrate von 1,3 Prozent für wahrscheinlich, 2016 waren es noch rund 0,4 Prozent.

Was bedeutet das für die Geldanlage? Bei einer steigenden Teuerung hebt die Notenbank in der Regel den Leitzins moderat an und erhöht somit das Zinsniveau. Das ist schlecht für Anleihen, deren Kurse dadurch sinken. Diesen Ablauf beobachten wir bereits in den USA, denn dort ist im Gegensatz zum Euroraum die Zinswende eingeläutet. Zwischen beiden Regionen klafft ein so genannter „Transatlantik-Spread“, der zu einem festeren US-Dollar führt. Denn Anleger investieren dort, wo sie bei gleichem Risiko mehr Rendite erhalten. Die Aussichten sind also eher negativ für US-Staatsanleihen und eher positiv für den Greenback.
Diese beiden Effekte sind aber keine gute Nachricht für Gold. Das Edelmetall sinkt in der Investorengunst, da am Markt wieder mehr Zinsen zu vereinnahmen sind. Dem stehen unterstützende Faktoren – etwa die Versicherung gegen hohe Inflation oder politische Risiken – entgegen. In Summe sehen wir für das Edelmetall mit einem Preis von 1.400 US-Dollar/Feinunze zum Jahresende noch Potenzial. Auch Aktien bieten Inflationsschutz, wenn die Unternehmen die Preiserhöhung an die Kunden weitergeben können. Sollte die Teuerungsrate aufgrund eines verbesserten Wachstumsumfeldes steigen, ist das für Aktien ein ideales Terrain.

Für Anleger bieten sich in einem moderaten Inflationsumfeld, wie wir es wohl sehen werden, also durchaus Chancen. Dagegen werden Sparbuch und Tagesgeldkonto, die im aktuellen Nullzins-Umfeld sowieso kaum Erträge abwerfen, mit steigender Inflation noch unattraktiver. Die Sorge vor einer rasanten Geldentwertung ist aber definitiv unbegründet. Also: Keine Angst vor alten Bekannten.