Kapitalmarktausblick: Auf die Geldpolitik kommt es an

Die Abhängigkeit des Kapitalmarkts von Zentralbankentscheidungen wächst. „Weder die Hoffnung auf eine Kräftigung des Aufschwungs noch auf eine Beruhigung des Handelsstreits hat sich bisher erfüllt“, sagt Jens Wilhelm, Vorstand bei Union Investment und zuständig für das Portfoliomanagement. „Konsequenterweise haben die Notenbanken ihre Geldpolitik wieder gelockert. Dies sollte Aktien, Immobilien, aber auch Rohstoffe und ausgewählte Rentensegmente weiter unterstützen. Das Niedrigzinsumfeld wird uns auf unbestimmte Zeit erhalten bleiben.“

  • Das weltweite Wirtschaftswachstum schwächt sich ab. Es gibt allerdings keine Rezession.

    Das weltweite Wirtschaftswachstum schwächt sich ab. Es gibt allerdings keine Rezession.

    „Wir rechnen in den USA noch mit einem Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts von 2,5 Prozent für 2019, im Folgejahr mit gerade einmal 1,6 Prozent. Das wird die Weltwirtschaft deutlich bremsen“, prognostiziert Wilhelm. Für die Eurozone erwartet der Kapitalmarktstratege ebenfalls eine Verlangsamung. „Sowohl 2019 als auch 2020 dürfte das Wachstum nur um die Ein-Prozent-Marke liegen.“ Für Deutschland geht er im laufenden Jahr von 0,7 Prozent aus, gefolgt von 1,0 Prozent für das Jahr 2020.

  • Der Handelsstreit zwischen den USA und China bleibt ungelöst.

    Der Handelsstreit zwischen den USA und China bleibt ungelöst.

    „Hinter dem Handelsstreit steht der hegemoniale Konflikt zwischen zwei Supermächten. Es geht um weit mehr als Zölle“, erläutert Wilhelm. „Eine Eskalation ist nicht auszuschließen.“ Diese Sorge schwebt bereits heute über vielen unternehmerischen Entscheidungen und belastet den Welthandel, der 2019 nur um 1,5 Prozent zulegen dürfte. „Damit fällt ein wichtiger Wachstumsbeschleuniger für Exportnationen wie Deutschland weg“, sagt Wilhelm.

  • Die Zentralbanken entscheiden über die Börsenentwicklung im zweiten Halbjahr.

    Die Zentralbanken entscheiden über die Börsenentwicklung im zweiten Halbjahr.

    Bei den Zentralbanken hat daher bereits ein Umdenken eingesetzt. „Leitzinsanhebungen sind für die kommenden zwei Jahre vom Tisch“, meint Wilhelm. Er geht vielmehr von baldigen Lockerungen aus. „Die Notenbanken haben klar signalisiert, dass ihr Fokus auf dem Wachstum und weniger auf der Inflation liegt. Das ist mittlerweile am Kapitalmarkt eingepreist und hat chancenorientierten Anlagen und sicheren Staatsanleihen sehr geholfen“, fasst er zusammen. „Kommen die Währungshüter dieser Erwartungshaltung nach und bricht die Konjunktur nicht ein, werden zumindest die Aktienkurse weiter gestützt. Im Falle einer Enttäuschung besteht aber Rückschlagpotenzial.“ Angesichts des geringen Inflationsdrucks ist Wilhelm aber zuversichtlich, dass die eingepreisten Zinsschritte auch tatsächlich durchgeführt werden. „Dann kann es trotz der vielfältigen Herausforderungen aus Anlegersicht durchaus ein erfolgreiches zweites Börsenhalbjahr werden.“

  • Das Niedrigrenditeumfeld ist zementiert, aber ausgewählte Rentenpapiere sind dennoch interessant.

    Das Niedrigrenditeumfeld ist zementiert, aber ausgewählte Rentenpapiere sind dennoch interessant.

    Ausgewählte Rentenpapiere aus der europäischen Peripherie, wie griechische und spanische Staatsanleihen, seien dennoch interessant. Denn in beiden Ländern sinke die Staatsverschuldung. Weiteres Potenzial sieht Wilhelm außerdem bei europäischen Unternehmensanleihen guter Bonität oder aber außerhalb der Währungsunion. „Papiere aus den Schwellenländern und Unternehmensanleihen der entwickelten Volkswirtschaften außerhalb Europas sind attraktiv, gerade für langfristig orientierte Anleger.“

  • Aktien: Es kommt mehr denn je auf die Auswahl der richtigen Märkte und Einzeltitel an

    Aktien: Es kommt mehr denn je auf die Auswahl der richtigen Märkte und Einzeltitel an

    Aktien bleiben nach Meinung des Kapitalmarktstrategen im Niedrigrenditeumfeld ein wichtiger Anlagebaustein, vor allem im Vergleich zu anderen Anlageklassen. „Das Kurspotenzial ist aber mittlerweile begrenzt“, mahnt Wilhelm. „Eine schwächelnde Konjunktur und höhere Löhne in Kombination mit den kostensteigernden Auswirkungen von Handelshemmnissen sind Gift für die Margen der Unternehmen. Die Gewinne werden also nur noch begrenzt wachsen“, meint er. Damit wird die Bewertung die Schlüsselfrage bei Aktien. „Eine leichte Ausweitung des Kurs-Gewinn-Verhältnisses in Verbindung mit niedrigen Gewinnsteigerungen sollten Aktien noch einen moderaten Aufwärtstrieb geben. Es kommt also mehr denn je auf die Auswahl der richtigen Märkte und Einzeltitel an“, erläutert Wilhelm.

  • Rohstoffe und Immobilien sind attraktive Anlageklassen

    Rohstoffe und Immobilien sind attraktive Anlageklassen

    Für attraktiv hält Wilhelm Rohstoffe und Immobilien. „Niedrige Zinsen und ein spätes Konjunkturstadium sind traditionell gute Nachrichten für diese Anlageklassen.“