Enorme Wachstumseinbußen infolge der Pandemie

Interview mit Dr. Frank Engels

8. Juni 2020: Die Coronakrise wird sich langfristig auf die Kapitalmärkte auswirken.  Dr. Frank Engels, Leiter des Portfoliomanagements von Union Investment, erklärt die Zusammenhänge im Interview und gibt eine Einschätzung, wie es weitergehen dürfte.

 

Herr Dr. Engels, die Kapitalmärkte zeigen sich seit ihrem Tiefpunkt Mitte März deutlich erholt. Haben die Börsen die Coronakrise abgehakt?

Nein, das glaube ich nicht. Aber wir haben vermutlich das Schlimmste hinter uns. Entscheidend für die weitere Entwicklung an den Kapitalmärkten bleibt der Pandemieverlauf. Denn nur eine Eindämmung des Virus erlaubt Öffnungsmaßnahmen – und ohne die ist wirtschaftliche Aktivität nicht möglich. Das treibt dann in letzter Konsequenz auch die Kapitalmärkte.

Wie schätzen Sie die jüngsten Entwicklungen ein?

Es gibt unübersehbare Fortschritte, und zwar in vielen Regionen. In Asien, aber auch in Europa hat sich die Lage deutlich aufgehellt. Das ist ein sehr gutes Zeichen. Im Ergebnis sehen wir beispielsweise in China bereits eine anziehende Wirtschaftsaktivität, etwa bei den Autozulassungen. Andere Regionen – wie zum Beispiel Indien, Russland oder Brasilien – stehen jedoch nach wie vor vor großen Herausforderungen. Für eine Entwarnung ist es daher noch zu früh. Die kann es erst geben, wenn ein wirksames Medikament oder ein Impfstoff gefunden ist.

Welche Auswirkungen wird die Pandemie auf das Wirtschaftswachstum haben?

Die Wachstumseinbußen werden dramatisch sein, das ist keine Frage. Wir rechnen mit einem mehr als doppelt so großen BIP-Einbruch wie während der Finanzkrise, und zwar in deutlich kürzerer Zeit. Insbesondere das zweite Quartal 2020 dürfte wirtschaftlich sehr schwierig werden. Danach sollte es schrittweise mit verhaltenem Tempo wieder aufwärts gehen. Denn: Die Arbeitslosigkeit ist höher, die Kurzarbeit wird nur langsam zurückgefahren, das Vorsichtssparen der Bürger und Unternehmen hat zugenommen, und einige Branchen wie zum Beispiel der Tourismus werden langfristig unter den weiterhin geltenden Regeln und Einschränkungen leiden. Ab Mitte kommenden Jahres sollte das Wachstum wieder richtig Fahrt aufnehmen – auch weil bis dahin hoffentlich ein Impfstoff verfügbar sein wird.

Folglich müssen wir im Jahr 2020 mit einer schweren Rezession rechnen?

So ist es leider. Als Daumenregel gilt: Jede Woche Lockdown kostet zwischen 0,7 und 1,0 Prozent Wirtschaftswachstum. Da ist in den vergangenen zwei Monaten also einiges zusammengekommen. Je nach Betroffenheit eines Landes sind die Schäden größer oder weniger groß. Aber ungeschoren kommt keine Volkswirtschaft davon.

In den USA dürfte das Wachstum beispielsweise um 7,0 Prozent einbrechen. Zudem nimmt in den USA ab dem Sommer der Wahlkampf um die Präsidentschaft volle Fahrt auf. Hier besteht die Gefahr, dass es infolge der Corona-Pandemie zu zunehmenden Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten und China kommen könnte.

Wie ist die Lage in Europa?

Sehr ähnlich. Auf die Konjunktur bezogen gehen unsere Volkswirte von einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um 8,5 Prozent im Euroraum aus. Besonders hoch werden die Wachstumseinbußen in Italien mit 11,7 Prozent und Spanien mit 11,5 Prozent ausfallen.

In Deutschland erwarten wir ein BIP-Minus von 6,7 Prozent. Nachhaltig nach oben dürfte es dann ab Mitte 2021 gehen. Die Erholung in Deutschland dürfte dabei kräftiger ausfallen als in von der Krise besonders stark betroffenen Ländern wie Italien, Frankreich und Spanien. Sie hängen zudem allesamt stärker vom Tourismus ab als Deutschland.

Auf politischer Ebene muss die EU beim Thema „Umsetzung des Brexits“ eine Einigung mit den Briten bis zum Jahresende finden. Das scheint zunehmend unwahrscheinlich. Auch zeigt die kontroverse Diskussion um die Finanzierung der Bekämpfung der Coronalasten, dass die politischen Spannungen in der Eurozone eher zunehmen dürften. Die geopolitischen Risiken bleiben also hoch.

Die Notenbanken und Regierungen haben in den vergangenen Monaten mit umfangreichen Hilfen auf die Coronakrise reagiert. Wie beurteilen Sie diese Schritte?

In Summe sehr positiv. Nach einigen Startschwierigkeiten reagierten die Zentralbanken sehr schnell und massiv. Rund um den Globus gab es enorme geldpolitische Lockerungen. Damit wurde ein Übergreifen der Krise von der Real- auf die Finanzwirtschaft vermieden. Das hat auch den Kapitalmärkten geholfen. Die Erholung der letzten Wochen geht zu einem großen Teil auf das Konto der Notenbanken. Die Regierungen haben ihren Teil zur Abmilderung beigetragen. Ob in Europa, den USA oder zuletzt in Schwellenländern wie Indien: Konjunkturpakete und Notenbankmaßnahmen haben das Schlimmste verhindert und helfen dabei, die Krise zu überwinden. Doch bei aller Geld- und Fiskalpolitik ist und bleibt der Schlüssel die Eindämmung des Virus.

Mit Blick auf die geldpolitischen Lockerungen ist Inflation ein Thema. Werden die Preise im Nachgang der Krise steigen? Wie schätzen Sie das ein?

Nein, das glaube ich nicht. Nur wenn Güter knapp werden und zugleich die Nachfrage danach steigt, kommt es zu einer nachhaltig höheren Inflation. Diese Situation haben wir nicht – im Gegenteil: Die Nachfrage ist jetzt während der Krise gesunken. Zwar können kurzfristig die Preise bei einigen Waren krisenbedingt steigen, aber in Summe überwiegen die dämpfenden Effekte wie durch den gesunkenen Ölpreis. Als Konsequenz sollten wir eher einen sinkenden Preisdruck sehen.

Und wenn wir den Blick in die Zeit nach der Krise richten?

Die Sorge vor einer Inflation hat sich im vergangenen Jahrzehnt immer als falsch herausgestellt. Sicherlich werden einige Preise für Dienstleistungen nachhaltig steigen, beispielsweise im Flugverkehr oder in der Reisebranche. Einen Anstieg der Preise für Güter und Dienstleistungen auf breiter Basis sehen wir aber auch im Nachgang dieser Krise nicht. Stattdessen sollte das geringere Wachstum den Inflationsdruck begrenzen, etwa weil starke Lohnsteigerungen unwahrscheinlich werden. Wir werden sowohl bei Verbrauchern als auch bei Unternehmen Zurückhaltung im Ausgabeverhalten sehen. Das hält solange an, wie es eine große Unsicherheit hinsichtlich der Entwicklung der nationalen und globalen Konjunktur sowie der Sicherheit der Arbeitsplätze gibt.

Für den Euroraum gehen wir daher mit jährlichen Preissteigerungen von 0,6 Prozent für 2020 und 2021 aus. Für Deutschland liegen unsere Prognosen mit 0,7 und 1,4 Prozent aufgrund der besseren wirtschaftlichen Lage etwas höher. Aber insgesamt sind das Inflationsniveaus, die keinem Zentralbanker eine schlaflose Nacht bereiten würden. Mit anderen Worten: Eine veränderte Geldpolitik aufgrund der Inflationsentwicklung ist auf absehbare Zeit nicht in Sicht.

Wie schätzen Sie die Aussichten an den Kapitalmärkten vor diesem Hintergrund ein?

Kurzfristig bleiben die Kapitalmärkte anfällig. Das liegt daran, dass ein Großteil der zu erwartenden leichten Erholung der wirtschaftlichen Aktivität für das zweite Halbjahr nach der Erholung der letzten Wochen bereits in den Kursen enthalten ist. Mit einem weiteren  Anstieg ist erst zu rechnen, wenn das Coronavirus nachhaltig eingedämmt ist oder ein Impfstoff zur Verfügung steht.

Einstiegskurse bieten sich derzeit also durchaus noch für Anleger, die langfristig investieren möchten. Allerdings kommt es mehr denn je auf eine sorgfältige Titelauswahl durch ein aktives Portfoliomanagement an. Denn die Krise trifft zwar alle, aber eben nicht alle gleich stark. Besonders deutlich sieht man das am DAX-30-Index. Hier gab es bei einigen Titeln seit Jahresanfang Kursverluste von bis zu 50 Prozent, gleichzeitig aber auch Aktien mit zweistelligen Gewinnen.

Wo sehen Sie derzeit die größten Chancen?

Die größten Chancen sehen wir nach wie vor bei Unternehmensanleihen guter Bonität und bei Aktien. Bei Aktien sollte es eine gute Mischung von Unternehmen sein, die von den Folgen der Corona-Pandemie profitieren. Die Branchen Onlinehandel, Digitaltechnik, Software und Gesundheit gehören mittelfristig in jedes Portfolio, ebenso wie gut geführte und nachhaltig profitable Großkonzerne aus anderen Branchen.