Marktbarometer April

Arne Rautenberg

„Die aktuellen Niveaus schätzen wir als Kaufkurse ein“

An den Börsen ging es in den vergangenen Wochen stürmisch zu. Arne Rautenberg, Aktien-Fondsmanager bei Union Investment, ist dennoch zuversichtlich.

Herr Rautenberg, wie haben Sie als Aktien-Fondsmanager die vergangenen Wochen erlebt?

Es waren turbulente Wochen. Zunächst dachten viele Marktteilnehmer, der Ausbruch des Corona-Virus sei auf China begrenzt. Doch die rasante Ausbreitung und die damit einhergehende Lahmlegung des öffentlichen Lebens dürfte das globale Wirtschaftswachstum einbrechen lassen. Darüber hinaus wuchs die Erkenntnis, dass die geld- und fiskalpolitischen Gegenmaßnahmen zwar einen wichtigen Beitrag zur Bekämpfung der ökonomischen Folgen leisten. Für eine breit angelegte, nachhaltige Aufwärtsbewegung wäre jedoch eine Verbesserung der Wirtschaftsaktivität notwendig, die wiederum eine Beruhigung bei den Infektionszahlen voraussetzt. Die Kurse stürzten ab

Ende März erholten sich die Aktienmärkte wieder, der Dow Jones verzeichnete den größten Tagesgewinn seit den 1930ern…

Nach der ersten Schockwelle setzte sich die Vernunft durch. Unabhängig vom zu erwartenden zeitweisen Einbruch der Konjunktur: Warum sollte ein Unternehmen, das seit mehr als 100 Jahren erfolgreich wirtschaftet, plötzlich um die Hälfte niedriger bewertet sein, nur weil 2020 ein schwieriges Jahr war? Fielen anfangs alle Kurse, differenzieren die Investoren nun wieder

Kommt es zu einer Trendwende?

Aktuell sehen wir eher eine Bärenmarktrally. Angesichts der immensen Hilfen schätzen wir das Umfeld aber wieder etwas positiver ein, auch wenn das Risiko kurzfristiger Rückschläge nach wie vor besteht. Langfristig bietet der Markt aber wieder Chancen, die derzeitigen Niveaus schätzen wir als Kaufkurse ein.

Gehen Sie in Ihrer Analyse der Unternehmen derzeit anders vor?

Die großen Veränderungen durch das Virus spielen für mich aktuell eine entscheidende Rolle: Das Corona-Virus und die soziale Distanzierung führt viele Menschen ins Home Office. Vielleicht stellen wir fest, dass das Arbeitsleben so auch ganz gut klappt. Vielleicht fliegen wir künftig weniger und nutzen deshalb weniger Hotels. Es könnte also sein, dass nach der Krise Fluglinien und Hotelketten schlechter aufgestellt sind. Hersteller von Desinfektionsmittel-Spendern hingegen könnten besser dastehen, weil spätestens bis Herbst in jedem Büro welche installiert werden.

Wer profitiert bereits jetzt von der Krise?

Die Telekommunikationsbranche und auch Online-Dienste profitieren vom Home Office. Viele Menschen stocken ihr Datenvolumen auf, vielleicht beschleunigt sich der Glasfaserausbau. Im Gesundheits-Bereich nutzt die Krise zum Beispiel Herstellern von Schutzausrüstungen und Beatmungsgeräten. Schlecht sieht es dagegen im Konsumsektor aus, aber auch da ist ein differenzierter Blick auf lang- und kurzlebige Güter vonnöten. In den USA zum Beispiel ziehen wir Hersteller von Konsumgütern des täglichen Bedarfs den zyklischen Konsumwerten vor. Zyklische Konsumgüter sind teurere Anschaffungen wie Autos. Eine solche Investition stellt man als Verbraucher in der aktuellen Situation vielleicht eher zurück. Waren des täglichen Gebrauchs werden hingegen immer benötigt.

Viele Unternehmen schieben Dividendenzahlungen auf. Wie bewerten Sie das?

Die angekündigten Kürzungen, Verschiebungen oder Aussetzungen der Dividenden bedeuten im derzeitigen Umfeld nicht zwangsläufig, dass ein Unternehmen schlecht wirtschaftet. Im Gegenteil: In einer Situation, in der man nicht weiß, wie schlimm die Rezession wird und sich die Gewinne entwickeln werden, ist es klug, Dividendenzahlungen aufzuschieben. Aber es gibt auch Unternehmen, die im aktuellen Umfeld eine gute Bilanz vorweisen, etwa aus der Gesundheitsindustrie. Sie dürften weiterhin eine sehr auskömmliche Dividende zahlen. Ein Dividendenfonds etwa muss entsprechend seine Strategie anpassen.

Welchen Rat geben Sie Anlegern?

Kurzfristig gibt ein Fonds jetzt vielleicht ab. Doch bleibt man investiert, hat der Fondsmanager bei der nächsten Rally mehr Mittel zur Verfügung, um die sich bietenden Chancen zu nutzen.