Marktbarometer März

„Eine kritische Rede kann etwas bewegen“

Die Hauptversammlungssaison ist gestartet. Für Union Investment als aktiver Vermögensverwalter ist dies eine Gelegenheit, den Forderungen an die Unternehmen zusätzliches Gewicht zu geben. Janne Werning, Leiter der Gruppe ESG Capital Markets & Stewardship, erklärt, welche Themen dieses Jahr im Fokus stehen.

Herr Werning, was bedeutet Stewardship?

Die verantwortungsvolle Allokation und aktive Betreuung der uns anvertrauten Vermögenswerte mit dem Ziel einer nachhaltigen, langfristigen Wertschöpfung für den Kunden. Dazu gehört der konstruktive Dialog mit den Unternehmen und die zielgerichtete Ausübung von Aktionärsrechten.

Welche Themen greifen Sie dabei auf?

Das Portfoliomanagement von Union Investment führt pro Jahr rund 4.000 Gespräche mit Unternehmensvertretern, davon über 500 zu Nachhaltigkeitsthemen. Hier geht es im Kern um die Zukunftsfähigkeit der Konzerne, um Transparenz und immer stärker um Fragen des Klimaschutzes. Die Speerspitze unseres aktiven Engagements sind dabei die Reden auf den Hauptversammlungen.

Wieso ist es wichtig, dass wir uns aktiv engagieren?

Nachhaltigkeit ist Teil unseres genossenschaftlichen Selbstverständnisses und lebt vom aktiven und kontinuierlichen Engagement. Für uns ist es ein elementarer Baustein der aktiven Vermögensverwaltung, im Gegensatz zu passiven Wettbewerbern. Der Dialog ermöglicht uns eine tiefe Analyse des Unternehmens, und gleichzeitig können wir als Investor Einfluss auf die Firmen nehmen. Die Konzerne können reagieren und ihr Risikomanagement verbessern.

Reagieren die Unternehmen auf die Kritik?

Natürlich gehen nicht alle Dialoge mit kurzfristig messbaren Erfolgen einher, sondern diese zeigen sich eher langfristig. Ein positives Beispiel ist die starke Verbesserung der Corporate Governance von Daimler und BMW. Mit der zunehmenden Elektrifizierung der Fahrzeuge herrscht in der Branche mittlerweile ein neues soziales Risiko bei den Zulieferern der Autobauer, etwa bei der Kobaltgewinnung in der Republik Kongo. Hier haben wir menschenrechtliche Sorgfaltspflichten in der Lieferkette angemahnt. Das haben die Konzerne im Anschluss umgesetzt. So hat Daimler verpflichtende Menschenrechtsstandards und Audits in die Lieferantenverträge aufgenommen.

Welche Stellung haben die Reden auf den Hauptversammlungen?

Die Rede auf der Hauptversammlung hat eine Hebelwirkung und ist sozusagen eine Eskalationsstufe. Die Themen, die wir dort adressieren, sind den Firmen schon bekannt. Der Druck, unseren Forderungen nachzukommen, erhöht sich aber durch die Öffentlichkeit. Mit einer kritischen Rede kann man etwas bewegen.

Welche Hauptversammlung ist Ihnen am intensivsten in Erinnerung geblieben?

Die Bayer-Hauptversammlung 2019. Das Unternehmen wurde bereits im Vorfeld wegen der Übernahme des umstrittenen Pflanzenschutzmittelherstellers Monsanto kritisiert. Vor der Halle war eine aufgeheizte Stimmung. Demonstranten hatten einen Teppich aus toten Bienen ausgelegt. Ich bin als zweiter Redner auf die Bühne gegangen. Nach meinen ersten kritischen Worten fingen die Leute plötzlich an zu klatschen. Dem Vorstandsvorsitzenden von Bayer wurde am Ende die Entlastung verweigert.

Welche Themen stehen 2020 besonders im Fokus?

Dieses Jahr dominieren die Themen Klimawandel, Vorstandsvergütung und Aufsichtsratsbesetzung. Die „Fridays for Future“- Bewegung wird sich weiter stark einmischen. Das sorgt für eine intensive Klimadebatte, die wir ausdrücklich begrüßen.

Beeinflusst das Coronavirus die Saison?

Bislang haben einige Unternehmen die Verschiebung ihrer Hauptversammlungen angekündigt. Aber stattfinden werden sie.

Was tippen Sie: Welche Hauptversammlung wird dieses Jahr besonders spannend?

Die Wirecard-Hauptversammlung wird spannend wegen der Vorwürfe der Bilanzfälschung. Auch die Hauptversammlung von Bayer dürfte turbulent werden, da die Risiken der Monsanto-Übernahme und die Glyphosat-Klagewelle immer noch Thema sind.