Zehn Jahre nach Lehman

Was hat sich seit dem Kollaps der US-Bank getan, und wie stehen wir heute da?

15. September 2008 – dieses Datum ist vielen Anlegern noch sehr präsent. Es markiert mit der Insolvenz der US-amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers den gefühlten Beginn der Finanzkrise, die weitreichende Folgen für alle hatte – und bis heute hat. Wie kam es zum Kollaps, was hat sich seitdem geändert, und wie stehen wir heute da?

Lehman Brothers hatte sich – wie viele andere Geldhäuser auch – in der US-amerikanischen Immobilien- und Kreditkrise übernommen und war dadurch ins Straucheln geraten. In den Jahren vor der Finanzkrise boomte der Häusermarkt in den USA. Immer mehr US-Bürger kauften Immobilien auf Pump – auch wenn es ihre finanzielle Situation eigentlich nicht zuließ. Die Zinsen waren schließlich niedrig, und der immer weiter steigende Wert der Häuser diente den Banken als Sicherheit. Das Geschäft lief blendend. Als dann aber das Zinsniveau anzog – und die Raten somit teurer wurden –, kamen viele Kreditnehmer ins Straucheln. Die Immobilienblase platzte. Gleichzeitig hatten viele Banken in der Zwischenzeit ihre Kreditforderungen gebündelt und in Form von Verbriefungen über den Kapitalmarkt weiterverkauft. Die Kreditrisiken lagen letztlich global verteilt in den Bilanzen vieler Banken. Mit dem Ausfall der Kredite kam eine Lawine ins Rollen: Der Abschreibungsbedarf der Banken stieg ins Unermessliche. Dadurch mussten immer mehr Staaten ihren Geldhäusern unter die Arme greifen, so etwa in Deutschland der Commerzbank, die noch immer zu 15 Prozent in staatlicher Hand ist. Andere gingen pleite – so wie Lehman Brothers. 25.000 Mitarbeiter wurden auf die Straße gesetzt.

Das Ausmaß konnte an jenem 15. September 2008 wohl kaum jemand ahnen: Da das Institut extrem stark mit anderen Banken vernetzt war, ging das Vertrauen aller Institute untereinander verloren – schließlich wusste niemand, welches Haus noch welche ausstehenden Kredite mit Lehman Brothers hatte. Die Folge: Die Banken liehen sich untereinander kein Geld mehr und „parkten“ ihr Geld stattdessen bei der Zentralbank. Der sogenannte Interbankenhandel war tot – und ist es bis heute.

Von Garantien und Liquiditätsspritzen

Das Beben war aber auch über die Finanzwelt hinaus zu spüren. Da die Kreditvergabe an Unternehmen und Verbraucher ins Stocken geriet, rutschten weite Teile der Weltwirtschaft in eine Rezession. Das hatte schließlich Auswirkungen auf alle. Auch Sparer machten sich große Sorgen um ihre Einlagen – wer wusste schon, ob die Hausbank überleben würde? Vielen Deutschen ist der 5. Oktober 2008 in Erinnerung geblieben, als Bundeskanzlerin Angela Merkel und der damalige Finanzminister Peer Steinbrück vor die Kameras traten und den Deutschen eine Garantie für ihre Spareinlagen zusicherten. Die Währungshüter halfen mit üppigen Liquiditätsspritzen und Nullzinsen auf Ausleihungen, um die Banken wieder auf die Beine zu stellen und die Kreditvergabe anzukurbeln.

Bis heute hat sich die Geldpolitik in der Eurozone nicht wieder normalisiert, was sich unter anderem in Form von sehr niedrigen Zinsen – wie der Blick ins Sparbuch bestätigt – und einer stark aufgeblähten Zentralbankbilanz ausdrückt. Nach wie vor leben die Banken von der Liquidität der Notenbanken – ein Austausch unter den Geldinstituten findet immer noch nicht statt.

Bessere Kontrolle möglich

Kapitalmärkte sind komplex. Es kann immer wieder durch unterschiedliche Entwicklungen zu Finanzkrisen kommen. Diese dürften zukünftig jedoch besser zu kontrollieren sein, denn die Akteure haben aus den Fehlern von damals gelernt. So ist es insgesamt zu einem Umdenken gekommen. Denn nicht nur die Kreditverbriefungen oder der Kollaps von Lehman haben zur Krise geführt – sondern auch das mangelnde Risikobewusstsein der Marktteilnehmer.

Eine wesentliche Veränderung gab es bei der Regulatorik. Die Institute werden seit einigen Jahren genauer geprüft. Und auch die Bankenaufsicht wurde reformiert. Regelmäßige Stresstests zeigen, wie empfindlich welches Haus auf eine etwaige Krisensituation reagieren würde. Darüber hinaus müssen Banken mehr Kapital vorhalten, das als Puffer für mögliche Verlustgeschäfte dient. Zusätzliche Risikokennzahlen wurden eingeführt, die ausreichende Liquiditätsreserven auch in schwierigsten Zeiten sicherstellen.

Ein umsichtiges Risikomanagement auf Bankenseite ist daher heutzutage aus dem Investmentprozess nicht mehr wegzudenken.

Sehen Sie zu diesem Thema auch das Interview mit Marc Hellingrath, Leiter der Abteilung Aktien Global.

Marktbarometer August 2018