Koalitionspoker nach der Bundestagswahl

Bundestagswahl

27.09.2021 - Die Wahlen zum 20. Deutschen Bundestag haben ein knappes Ergebnis gebracht. Laut vorläufigem amtlichen Endergebnis liegen Sozial- und Christdemokraten fast gleichauf. Dabei konnte die SPD starke Zugewinne verzeichnen, während CDU/CSU auf das schwächste Ergebnis der Nachkriegszeit zurückfielen. Auch die Grünen konnten spürbar zulegen und werden künftig zur drittstärksten Kraft im Bundestag, gefolgt von der leicht gestärkten FDP. Die Linke wird zwar erneut in Fraktionsstärke im Parlament vertreten sein, verliert aber deutlich an Stimmen.

Vielzahl an Koalitionen möglich

Zusammensetzung und Führung der nächsten Bundesregierung sind vor diesem Hintergrund nach wie vor unklar. Mehrere Konstellationen sind angesichts der neuen Mehrheitsverhältnisse möglich. Wahrscheinlich sind jedoch derzeit vor allem Dreierbündnisse zwischen einer der beiden Volksparteien SPD bzw. CDU/CSU mit den Grünen und der FDP. Ampelkoalition oder Jamaika-Bündnis sind daher derzeit die wahrscheinlichsten Alternativen. Zwar verfügen auch die Parteien der aktuellen „Großen Koalition“ über eine Mehrheit im Parlament, allerdings ist diese Variante aktuell kaum wahrscheinlich bzw. wird von beiden Parteien als unwahrscheinlich angesehen. Für eine „Rot-Grün-Rote“ Regierung gibt es hingegen keine parlamentarische Mehrheit.

Zusammenfassung:

  • Schwierige und langwierige Regierungsbildung zu erwarten
  • Rot-Grün-Rot ohne Mehrheit, Beteiligung von Grünen und FDP wahrscheinlich
  • Vorübergehender Anstieg der Volatilität an den Kapitalmärkten während Koalitionsverhandlungen möglich
  • Positiv für europäische Anlagen: Nächste Bundesregierung mit europafreundlicher Führung
  • Forcierung klimapolitischer Anstrengungen zu erwarten

Wenig Klarheit für die Kapitalmärkte

Für Dr. Jörg Zeuner, Chefvolkswirt bei Union Investment, bringt die Wahl alleine wenig Klarheit: „Aufgrund der wirtschaftspolitischen Programmatik war Rot-Grün-Rot für viele Investoren ein schwer kalkulierbares Risiko. Diese Option ist nun vom Tisch.“ Alle übrigen aus Börsensicht entscheidenden Fragen sind nach Einschätzung des Experten hingegen noch offen. „Der Koalitionspoker beginnt jetzt erst. Je schneller sich umsetzbare Lösungen für drängende Fragen rund um Wirtschaft und Märkte abzeichnen, desto schneller werden die Märkte zur Tagesordnung übergehen. Wir rechnen mit schwierigen, langwierigen Sondierungs- und Koalitionsverhandlungen. In der Zwischenzeit ist an den Kapitalmärkten ein vorübergehender Anstieg der Volatilität immer wieder möglich“, präzisiert er. Mögliche Streitpunkte sieht der Chefvolkwirt dabei unter anderem bei kapitalmarktrelevanten Themen wie etwa der Schuldenbremse, der Steuer- und auch der Europapolitik.

Eine positive Botschaft für die Börsen steht für Dr. Zeuner aber bereits fest. „Deutschland wird auch künftig von einer europafreundlichen Regierung geführt. Für europäische Anlagen, wie zum Beispiel Peripherieanleihen oder auch den Euro, sind das gute Nachrichten.“ Darüber hinaus rechnet er mit einer Forcierung der klimapolitischen Anstrengungen. „Dekarbonisierung ist eines der Megathemen der 2020er Jahre. Die Anstrengungen zur Bekämpfung des Klimawandels werden daher einen Schwerpunkt der künftigen Bundesregierung bilden – egal, wer sie führt. Das wird an den Kapitalmärkten nicht ohne Folgen für nachhaltige Anlagen bleiben“, erläutert Dr. Zeuner.

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