Marktrückblick und -ausblick 22. Kalenderwoche

Wöchentliche Information zu den Kapitalmärkten für den Zeitraum vom 30. Mai bis 3. Juni 2022

    - Diese Woche: Inflationssorgen dominieren wieder

    - Aktien: Freundlicher Unterton hält vorerst noch an

    - Renten: Handlungsdruck auf die Notenbanken steigt

    - Ausblick: EZB wird Zinserhöhung vorbereiten

    Diese Woche: Inflationssorgen dominieren wieder

In den letzten Handelswochen bestimmten Konjunktursorgen das Marktgeschehen. Anleger befürchteten vor allem in den USA einen Rückgang der Konsumausgaben. Dadurch wurde die Sorge vor womöglich weiter steigenden Preisen in den Hintergrund gedrängt. In den vergangenen Tagen fielen einige Wirtschaftsdaten besser als erwartet aus. So stieg der US-Einkaufsmanagerindex (ISM) im Mai von zuvor 55,4 auf 56,1 Punkte an. Im Vorfeld hatten Analysten mit einem Rückgang auf 54,5 Zähler gerechnet. Der regelmäßig vor einer US-Notenbanksitzung veröffentlichte Konjunkturbericht „Beige Book“ zeigte allerdings größere regionale Unterschiede auf. In einigen US-Bundesstaaten fällt das Wachstum nur noch moderat aus. Einige Firmen berichten auch von ersten Einstellungsstopps. Hieran dürften allerdings auch die hohen Lohnkosten einen Anteil haben. In Summe lässt sich sagen, dass die US-Wirtschaftskraft weiter an Dynamik verlieren dürfte. Ein Einbruch ist aber nicht auszumachen. Für Rückenwind sorgt weiterhin der feste Arbeitsmarkt. Im Mai wurde ein Stellenaufbau in Höhe von 390.000 vermeldet, erwartet waren nur 318.000 neue Jobs. Der Lohndruck ließ dabei etwas nach.

Frühindikatoren in China ziehen wieder an

Auch in China wurden die Einkaufsmanagerindizes veröffentlicht. Diese lagen zwar erneut unterhalb der Wachstumsschwelle von 50 Zählern, konnten sich aber deutlich gegenüber dem Vormonat verbessern. In der Metropole Shanghai wurden zudem die Corona-Beschränkungen nun aufgehoben und damit konnte auch der weltgrößte Hafen wieder seinen Betrieb aufnehmen. Hoffnungen gibt es auch in Zusammenhang mit einem möglichen chinesischen Medikament gegen das Corona-Virus. Darüber hinaus wurde die Wirtschaftsdebatte fortgeführt. Ministerpräsident Li Keqiang fordert daher weitere Maßnahmen, denen sich Parteichef Xi Jinping wohl nicht länger verschließen können dürfte. Im Oktober stehen Wahlen an, darüber hinaus wächst der Druck aufgrund einer hohen Jugendarbeitslosigkeit und einem möglichen Prestigeverlust, wenn das Wachstum geringer ausfallen sollte als das der USA.

Preisdruck im Euroraum ist weiterhin sehr hoch

Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit in dieser Handelswoche standen jedoch die Inflationsdaten für Mai. Wie nicht anders zu erwarten war, nahm der Preisdruck erneut stark zu. Haupttreiber sind weiterhin die hohen Energiekosten. In Deutschland lag die Inflationsrate im Mai bei 7,9 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Ähnlich hohe Preissteigerungen hat es in Deutschland in der Nachkriegszeit nur während der Ölkrise in den 70er Jahren gegeben. Hohe Zuwächse gab es auch in anderen Ländern wie Spanien. Im gesamten Euroraum stiegen die Preise sogar um 8,1 Prozent.

Vorerst ist nicht mit einer Kehrtwende zu rechnen. Das Angebot an Rohöl bleibt wegen des Krieges in der Ukraine knapp. Zudem hat sich die Europäische Union darauf verständigt, kein russisches Öl mehr zu importieren, das auf dem Seeweg verschifft wird. Ein noch wirkungsvolleres Ölembargo, dass auch die Versorgung über Pipelines mit eingeschlossen hätte, ist am Veto der ungarischen Regierung gescheitert. Doch der Kurs ist klar, die EU-Staaten wollen unabhängiger von russischen Energielieferungen werden. Dies erhöht jedoch die Nachfrage nach Öl aus anderen Ländern. Zu den hohen Energiepreisen kommen noch immer angespannte Lieferketten hinzu, auch wenn sich die Situation hier schon etwas gebessert hat. Viele Firmen sehen sich aber erheblichen Kostensteigerungen bei ihren Vorprodukten gegenüber. So stiegen die Erzeugerpreise in Deutschland zuletzt um rekordhohe 33,5 Prozent an. Zumindest einen Teil dieser Kosten werden die Produzenten wohl an die Verbraucher weitergeben müssen und damit steigen dann die Preise auch in der Breite an.

Deutsche Exportzahlen sind ein Spiegelbild der wirtschaftlichen Lage

Das Rückgrat der deutschen Wirtschaft ist der Export. Zuletzt konnte hier ein erfreulicher Zuwachs von 4,4 Prozent im Vergleich zum Vormonat verbucht werden. Schaut man sich die Daten zu den einzelnen Ländern an, dann wird schnell klar, in welcher Verfassung sich die Handelspartner befinden. In die wirtschaftlich starken Vereinigten Staaten von Amerika wurden acht Prozent mehr exportiert. Dagegen gingen die Ausfuhren ins schwächelnde China um 4,5 Prozent zurück. Den größten Einbruch gab es in Russland. Nachdem die Exporte schon im Vormonat um 60 Prozent abnahmen, gingen diese zuletzt nochmals um zehn Prozent zurück.

    Aktien: Freundlicher Unterton hält vorerst noch an

An den Aktienmärkten setzte sich der leicht freundliche Unterton der Vorwoche fort. Während Aktien aus den Industrieländern unter den steigenden Anleiherenditen litten und letztlich weitgehend unverändert zur Vorwoche aus dem Handel gingen, konnten die Schwellenländerindizes Zuwächse verzeichnen. Per Freitagmittag legte der DAX 40-Index 0,2 Prozent zu. In den USA stieg der breit gefasste S&P 500-Index um 0,4 Prozent an. EM-Aktien verteuerten sich hingegen um 1,8 Prozent. Gefragt waren auch Technologiewerte, was sich an einem Zuwachs von 1,7 Prozent beim Nasdaq-Index ablesen ließ.

Aus Branchensicht bildeten Immobilienaktien mit einem Verlust von 3,4 Prozent das Schlusslicht im STOXX Europe 600-Index. Deutschlands größter Wohnungskonzern Vonovia kündigte mögliche Mietsteigerungen an. Zu den Gewinnern zählen Automobilbauer (+1,7 Prozent) und wenig zyklische Konsumwaren (+2,7 Prozent).

Corona-Trend E-Commerce unter Druck

Hat der Online-Handel seit der Corona-Krise geboomt, so scheint der Hype in den letzten Monaten deutlich nachzulassen. Aufgrund zahlreicher Lockdowns waren Geschäfte in den vergangenen zwei Jahren die meiste Zeit geschlossen. Die Verbraucher kauften Bekleidung, Elektronikgeräte oder auch Lebensmittel per Klick im Internet. Dadurch konnte der Bereich E-Commerce 2020 bereits seinen Umsatz um 23 Prozent steigern. 2021 noch einmal um 19 Prozent. Für das laufende Jahr hatte der Branchenverband bevh eine Wachstumsprognose von zwölf Prozent herausgegeben. Diese sei aber nicht mehr haltbar, so ein Sprecher. Dabei legten die Umsätze bis zum Einmarsch der russischen Truppen in die Ukraine wie gewohnt kräftig zu. Seither ist ein Rückgang zu erkennen. Seit Anfang April bis Mitte Mai gebe es laut dem Branchenverband ein Minus von 6,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Am Dienstag zog der deutsche Online-Händler Otto dann auch seine Jahresprognose zurück. Auch hier war man von einem Umsatzwachstum im zweistelligen Bereich ausgegangen. Dies deckt sich mit den Berichten der großen Versandhäuser wie Amazon und Zalando. Sie berichteten schon in den vergangenen Wochen von einem Rückgang der Umsätze. Diese fielen im ersten Quartal 2022 beim Online-Modehändler Zalando um 1,5 Prozent – bei Amazon sogar um drei Prozent. Als Gründe werden die Auswirkungen des Russland-Ukraine-Krieges, die steigenden Preise und verunsicherte Verbraucher genannt.

Co-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg verlässt Meta

Nach 14 Jahren bei Mark Zuckerberg verlässt Sheryl Sandberg im Herbst die Facebook-Mutter Meta. Dort war sie als Chief Operating Officer (COO) tätig und machte das Werbe- bzw. Anzeigengeschäft groß. Ihren Abschied verkündete sie – wie auch nicht anders zu erwarten – auf ihrem Facebook-Profil. Sie wolle ein neues Kapitel in ihrem Leben beginnen, schrieb sie in ihrem Post. Ihr Kapitel bei Facebook begann 2008. Damals war das soziale Netzwerk noch gar nicht an der Börse. Mark Zuckerberg holte sie als Nummer Zwei in den Konzern. Sie gilt seit jeher als rechte Hand Zuckerbergs und hat maßgeblich zum Erfolg von Facebook bzw. Meta beigetragen. Sandberg wird dem Konzern dennoch erhalten bleiben: Ihren Sitz im Verwaltungsrat wird sie behalten. Als Nachfolger wird Javier Olivan gehandelt, der bislang die Kernprodukte und -funktionen der großen Apps (Facebook, Messenger, Instagram & WhatsApp) des Unternehmens verantwortet. Die Nachricht des Abgangs einer der Identifikationsfiguren des Konzerns wurde an der Börse negativ aufgenommen. Verunsicherung machte sich bei den Anlegern breit. So verlor die Aktie von Meta zeitweise vier Prozent.

    Renten: Handlungsdruck auf die Notenbanken steigt

Die hohen Inflationsraten dieser Woche haben den Handlungsdruck auf die Notenbanken wieder merklich erhöht. Vor allem im Euroraum tut sich inzwischen ein großer Spalt zwischen den Leitzinsen (-0,5 Prozent) und den aktuellen Teuerungsraten (+8,1 Prozent) auf, den es schnell zu schließen gilt. Es verwundert daher nicht, dass einige EZB-Mitglieder nun auch wieder einen möglichen Zinsschritt um 50 Basispunkte ins Spiel bringen. Unsicherheit ist stets ein schlechter Berater. Im Optimalfall wird ein Zinserhöhungszyklus daher graduell vorgenommen. Das bedeutet, dass planbare und gleichmäßige Schritte in festen Abständen erfolgen. Viele Notenbanker würden daher gern auch diesmal so vorgehen. Den Verfechtern einer eher restriktiveren Geldpolitik geht das jedoch nicht schnell genug. Sie wollen die Leitzinsen zunächst so schnell wie möglich auf ein Niveau anheben, dass die Inflation zumindest nicht weiter befeuert. Danach könne man dann immer noch datenabhängig agieren und kleinere Zinsschritte vornehmen oder sogar pausieren. So zumindest versucht es die US-Notenbank, wobei auch dort in dieser Woche die Forderung nach einem noch größeren Zinsschritt von sogar 75 Basispunkte laut wurde. Die kanadische Zentralbank hat ihren Leitzins in dieser Woche auf 1,5 Prozent angehoben und deutete für die beiden kommenden Sitzungen Zinsschritte von jeweils 75 Basispunkten an. Dies ist insofern erstaunlich, da der Inflationsdruck dort geringer ist als in den USA oder dem Euroraum.

Staatsanleihen reagieren mit Kursverlusten

Bei europäischen Staatsanleihen war die Renditeentwicklung in diesem Umfeld wieder aufwärtsgerichtet. Zehnjährige Bundesanleihen überschritten dabei die Marke von 1,20 Prozent und handelten auf dem höchsten Renditelevel seit acht Jahren. Die Zinsfantasie sorgte aber auch am kurzen Ende für einen deutlichen Renditeanstieg. Hier wurden per Freitagmittag sogar die höchsten Stände seit 2011 verzeichnet. Anleihen aus den Peripherieländern kamen noch stärker unter Druck. Der Renditeaufschlag von italienischen Papieren gegenüber Bundesanleihen betrug wieder mehr als 200 Basispunkte. So rentierten zehnjährige italienische Schuldverschreibungen bereits bei mehr als 3,3 Prozent. Es kam zwar kein nennenswerten Verkaufsdruck auf, aktuell finden sich aber eben auch kaum Käufer, sodass sich der Renditeabstand von Woche zu Woche vergrößert, auch ohne spezielle Nachrichten aus den jeweiligen Ländern.

Anleihen aus den Schwellenländern halten sich vergleichsweise gut

Auch in den USA waren die Renditen wieder aufwärtsgerichtet, der Anstieg fiel aber weniger stark aus. Einerseits ist die Unsicherheit über den weiteren Kurs der US-Wirtschaft weiter hoch. Andererseits hat die US-Notenbank bereits einen steileren Zinspfad als etwa die Europäische Zentralbank kommuniziert.

Schuldverschreibungen aus den Schwellenländern konnten sich dem allgemeinen Abwärtstrend in dieser Woche entziehen. Als stützend erwiesen sich die nur moderaten Zinsanstiege in den USA. Darüber hinaus beträgt die Rendite von EM-Hartwährungsanleihen inzwischen stattliche 7,5 Prozent. Damit lassen sich kleinere Renditesteigerungen bereits gut kompensieren.

    Ausblick auf die kommende Woche: EZB wird Zinserhöhung vorbereiten

In der um einen Feiertag gekürzten Handelswoche werden die marktrelevanten Daten erst zum Ende der Woche erwartet. Am Donnerstag tagt die Europäische Zentralbank. Dabei dürften die Währungshüter den für Juli geplanten Zinsschritt kommunikativ vorbereiten. Dieser gilt als gesetzt. Spannend wird es bei der Frage, ob es bei den von Christine Lagarde angekündigten 25 Basispunkten bleibt und wie der weitere Zinspfad für das restliche Jahr aussehen könnte.

Am Freitag folgen dann die Inflationsdaten aus den USA. Marktteilnehmer rechnen mit einem leichten Rückgang. Die Teuerungsrate dürfte sich im Mai aber weiterhin oberhalb von acht Prozent bewegt haben und auch die Kernrate sollte nur geringfügig gefallen sein.

Wir wünschen unseren Leserinnen und Lesern ein schönes Wochenende!

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Stand aller Informationen, Darstellungen und Erläuterungen: 3. Juni 2022, soweit nicht anders angegeben.

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