Marktrückblick und -ausblick 23. Kalenderwoche

Wöchentliche Information zu den Kapitalmärkten für den Zeitraum vom 6. bis 10. Juni 2022

    - Diese Woche: EZB kündigt für Juli Zinserhöhung an

    - Aktien: Märkte drehen ins Minus

    - Renten: Weiterer Renditeanstieg

    - Ausblick: US-Notenbank Fed tagt

    Diese Woche: EZB kündigt für Juli Zinserhöhung an

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat auf ihrer Sitzung am Donnerstag wie erwartet für Juli eine erste Zinserhöhung angekündigt. Mit der Anhebung um 0,25 Prozentpunkte wird damit nach elf Jahren die Zinswende eingeläutet. Weitere Anhebungen, voraussichtlich ab September, dürften angesichts der aktuellen Inflationsentwicklung folgen. Über deren Höhe wird rege diskutiert, stehen derzeit auch größere Einzelschritte von 0,5 Prozentpunkten zur Debatte. Darüber hinaus wird das Anleiheankaufprogramm Ende Juni auslaufen, die EZB wird danach nur noch fällige Wertpapiere reinvestieren.

Die Finanzmärkte verhielten sich im Vorfeld der Notenbanksitzung zunächst abwartend. Im Verlauf des Donnerstags drehten dann die Aktienmärkte nach der EZB-Entscheidung ins Minus. Auch an den Anleihemärkten prägten Kursverluste das Geschehen, die Renditen stiegen weiter an.

Die US-Inflation ist weiter auf dem Vormarsch. Die Verbraucherpreise in den USA stiegen im Mai gegenüber Vorjahr um 8,6 Prozent an und lagen damit über den Erwartungen (8,3 Prozent). Der Anstieg gegenüber dem Vormonat lag bei 1,0 Prozent ebenfalls über den Schätzungen (0,7 Prozent). Dies dürfte die US-Notenbank hinsichtlich ihrer restriktiven Geldpolitik bestätigen.

EZB: Größere und häufigere Zinsanhebungen als bislang erwartet?

Die EZB bestätigte am Donnerstag die von ihr vorab klar signalisierten Beschlüsse. Der Beendigung des Anleiheankaufprogramms per Ende Juni wird dann im Juli eine erste Zinserhöhung um 25 Basispunkte folgen. Im September dürfte, wenn sich der mittelfristige Inflationsausblick nicht verbessern sollte, ein weiterer Zinsschritt um dann 50 Basispunkte folgen. Damit leitet die EZB den erst dritten wesentlichen Zinserhöhungszyklus seit 1999 ein. Die Gründe für diese Schritte zu einer „Normalisierung“ der geldpolitischen Ausrichtung sind die aktuell sehr hohen Inflationsraten und auch die immer noch zu hohen Inflationserwartungen. Zudem liegt die nunmehr von der EZB prognostizierte Inflation im gesamten Prognosehorizont 2022/2023 und 2024 über der Zwei-Prozentmarke, was nun einen Zinsschritt aus Sicht der EZB rechtfertigt. Lediglich die zeitliche Abfolge, wonach ein erster Zinsschritt erst nach Beendigung der Anleihekäufe erfolgt („Sequenzierung“), hat am Donnerstag eine erste Anhebung verhindert.

Darüber hinaus war nach dem EZB-Treffen zu erkennen, dass größere und häufigere Zinsschritte im laufenden und auch im kommenden Jahr immer wahrscheinlicher werden. Auch über den September hinaus sind Anhebungen um 50 Basispunkte durchaus nicht unrealistisch. Unser Basisszenario liegt derzeit bei einer Erhöhung um einen Prozentpunkt im laufenden Jahr und weiteren 0,5 Prozentpunkten im kommenden Jahr.

Deutsche Industrieaufträge auch im April rückläufig

Zum dritten Mal in Folge verzeichnen deutsche Industrieunternehmen rückläufige Auftragseingänge. Im April fielen die Orders im Vergleich zum Vormonat um 2,7 Prozent. Die Lage ist weiter vom Krieg in der Ukraine und der schwächeren Nachfrage aus China geprägt. Die rückläufigen Auslandsbestellungen waren vor allem durch den Rückgang aus den Ländern des Euroraums (minus 5,6 Prozent) geprägt. Die Auslandsnachfrage ging letztlich um vier Prozent zurück. Der Auftragsrückgang aus dem Inland fiel mit minus 0,9 Prozent deutlich geringer aus. Allerdings sind die Auftragsbücher der Unternehmen derzeit gut gefüllt. Problematisch ist hingegen die anhaltende Störung der Lieferketten, mit der eine zurückhaltende Ordertätigkeit bei den Vorprodukten einhergeht.

Die deutsche Industrieproduktion nahm im April mit plus 0,7 Prozent etwas zu, blieb aber unter den Erwartungen der Analysten. Das leichte Plus war in erster Linie auf die Energieerzeugung zurückzuführen.

Chinas Außenhandel belebt sich

Die chinesischen Außenhandelsdaten für den Mai zeigten sich überraschend gut. Die Exporte legten gegenüber dem Vorjahresmonat um knapp 17 Prozent zu und lagen damit deutlich über den Bloomberg-Erwartungen (8,0 Prozent). Vor allem hat die Ausfuhr von Stahlprodukten hierzu beigetragen. Die Importe lagen mit plus 4,1 Prozent ebenfalls über den Erwartungen der Analysten. Somit gab es nach den sich belebenden Einkaufmanagern (s. Bericht letzte Woche) weitere gute Nachrichten aus China. Allerdings sorgen immer wieder Berichte über Corona-Ausbrüche (zuletzt Stadtteile von Shanghai betreffend) mit den damit verbundenen Massentests für Verunsicherung. Nach der Aufhebung des jüngsten Lockdowns hatte sich die Lage wieder entspannt.

    Aktien: Märkte drehen ins Minus

Zunächst übten sich die Aktien-Anleger in Zurückhaltung. Zumal mit den US-Inflationsdaten am Freitag und der Fed-Sitzung in der folgenden Woche sich weitere wichtige Ereignisse auf der Agenda befinden. Die EZB-Sitzung hat dann im Ergebnis aber negativ überrascht und sorgte für eine „hawkishere“ Note als zunächst erwartet. Drohende stärkere Zinsanhebungen, der Mix aus höheren EZB-Inflationsprognosen und gleichzeitig für 2022 und 2023 geringeren Wachstumseinschätzung sowie eine generell zunehmende Eintrübung der Wachstumsaussichten haben zum Wochenschluss für Zurückhaltung gesorgt. Die noch in der Vorwoche zu beobachtenden Zuflüsse in die Aktienmärkte blieben in der Berichtswoche aus. Zudem spiegelt sich in den Stimmungsindikatoren derzeit die Vorsicht der Anleger wider. Der MSCI-World-Index lag per Freitagvormittag 2,1 Prozent im Minus. Mit Ausnahme der asiatischen Märkte (China, Japan) tendierten alle großen Börsen in den roten Bereich. Der Dax 40 etwa verlor 3,4 Prozent, der marktbreite STOXX Europe 600-Index gab 2,5 Prozent ab. Am US-Markt lagen sowohl der S&P 500-Index als auch der technologielastige Nasdaq 100-Index vor den wichtigen US-Inflationsdaten für Mai und dem Start in den Freitagshandel jeweils mit 2,3 Prozent im Minus.

Branchen: Nur Öl & Gas leicht im Plus

Aus europäischer Branchensicht (STOXX Europe 600-Index) bildeten wie schon in der Vorwoche Immobilienaktien mit einem Verlust von 5,4 Prozent das Schlusslicht. Lediglich Aktien aus dem Sektor Öl & Gas tendierten mit 0,6 Prozent leicht ins Plus, ansonsten lagen sämtliche Branchen im Minus.

Bei den Einzelwerten im DAX 40 konnte die Aktie von Delivery Hero gegen den allgemeinen Markttrend in der Berichtwoche weiter zulegen und stieg um 8,5 Prozent an. Continental folgt an zweiter Stelle mit einem Plus von 4,5 Prozent je Aktie. Zalando (minus elf Prozent), Vonovia und die Deutsche Post (jeweils minus 7,6 Prozent) verbuchten im Wochenverlauf die größten Abschläge. Bei der Deutschen Post verbreitete sich am Markt die Einschätzung, dass sich die gestiegenen Fracht- und Transportkosten belastend auf das Ergebnis auswirken dürften.

    Renten: Weiterer Renditeanstieg

Einhergehend mit der restriktiveren Ausrichtung der EZB kam es an den Euro-Staatsanleihemärkten in der Berichtswoche zu Verlusten. Die richtungsweisende zehnjährige Bundrendite kletterte zeitweise bis auf 1,45 Prozent und lag Freitagvormittag mit 1,39 Prozent um 12 Basispunkte höher als zum Vorwochenschluss. Die deutsche Zinsstrukturkurve tendierte etwas flacher, da sich die restriktivere EZB-Zins- bzw. Geldpolitik in erster Linie am kurzen Ende der Kurve auswirkte. Dort stiegen die Renditen im Bereich von zwei bis vier Jahren Laufzeit um bis zu 22 Basispunkte und damit stärker als am langen Ende an.

In der Euro-Peripherie waren ebenfalls deutliche Renditesprünge zu beobachten. Vor allem gegenüber Italien nahm mit Blick auf die Beendigung der Anleiheankäufe durch die EZB die Unsicherheit zu. Der Renditeaufschlag italienischer Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit erhöhte sich gegenüber den laufzeitgleichen Bundesanleihen auf etwas mehr als 220 Basispunkte. Im März lag dieser noch bei 150 Basispunkten. Die italienische Zehnjahresrendite beträgt mittlerweile rund 3,6 Prozent (Vorwochenschluss 3,38 Prozent). Zum Vergleich: In der ersten Jahreshälfte 2021 rentierten diese Papiere mit lediglich 0,5 Prozent, damit liegt nunmehr ein sehr deutlicher Renditeanstieg hinter uns. Auch in Spanien war ein Anstieg der Zehnjahresrendite um 20 Basispunkte auf nunmehr 2,6 Prozent zu beobachten.

Am US-Staatsanleihemarkt war die Berichtswoche ebenfalls von roten Vorzeichen geprägt. US-Schatzanweisungen mit Fälligkeit in zehn Jahren kletterten über die Drei-Prozent-Renditemarke. Auch am US-Markt tendierte die Zinskurve über die kurzen Laufzeiten etwas flacher.

Zinserhöhungsreigen setzt sich fort

In der Berichtswoche erhöhten wieder einige Zentralbanken ihre Leitzinsen. Neben Indien, Chile sowie Peru und Polen stand die australische Notenbank in Blickpunkt. Australiens Notenbanker haben in Erwartung einer noch höheren Inflation stärker als erwartet auf die Bremse getreten und mit der höchsten Leitzinserhöhung seit 22 Jahren (plus 0,5 auf 0,85 Prozent) den Markt überrascht.

Euro-Unternehmensanleihen sowie Schuldverschreibungen aus den Schwellenländern konnten sich dem Abwärtstrend in dieser Woche nicht entziehen. Das inflationäre Umfeld und das Gegensteuern der Notenbanken führten in der Berichtswoche in beiden Marktsegmenten zu Verlusten, die Risikoprämien (Spreads) weiteten sich dabei etwas aus.

Der Euro fiel im Wochenverlauf zum US-Dollar um einen Cent auf 1,06 US-Dollar je Euro. Die in Aussicht gestellten Zinserhöhungen nützen derzeit der Gemeinschaftswährung scheinbar wenig. Dies dürfte wohl auf die Unsicherheit über die weitere Entwicklung in der Euro-Peripherie im Zusammenhang mit den EZB-Maßnahmen zurückzuführen sein und für eine Zurückhaltung gegenüber Euro-Anlagen sorgen.

    Ausblick auf die kommende Woche: US-Notenbank Fed tagt

Die US-Notenbank Fed wird in der neuen Woche aller Voraussicht nach die Straffung ihrer Geldpolitik fortsetzen. Ein weiterer Zinsschritt um 50 Basispunkte wird am Markt erwartet. Für die Fed ist die aktuelle Lage im Spannungsfeld hoher Inflationsraten und zunehmender Wachstumssorgen nicht gerade einfach und kann angesichts des Spagats als herausfordernd bezeichnet werden. Darüber hinaus tagen sowohl die Bank of England als auch die japanische Notenbank. Mit Blick auf die Konjunkturdaten stechen am Mittwoch die US-Einzelhandelsumsätze heraus. Darüber hinaus gibt es ein paar Daten zum US-Immobilienmarkt. Am Dienstag steht in Deutschland zudem der ZEW-Index zur Veröffentlichung an.

Wir wünschen unseren Leserinnen und Lesern ein schönes Wochenende!

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Stand aller Informationen, Darstellungen und Erläuterungen: 10. Juni 2022, soweit nicht anders angegeben.

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