Marktrückblick und -ausblick 1. Kalenderwoche

Wöchentliche Information zu den Kapitalmärkten für den Zeitraum vom 3. bis 07. Januar 2022

    Diese Woche: Geldpolitik wird straffer

Die erste Handelswoche des Jahres 2022 wurde an den internationalen Kapitalmärkten maßgeblich von der Geldpolitik bestimmt. Insbesondere die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) stand im Blickpunkt. Auf ihrer letzten geldpolitischen Sitzung des Jahres 2021 hatten die Washingtoner Währungshüter bereits ein schnelleres Zurückfahren ihrer Anleihekäufe beschlossen und drei Leitzinsanhebungen für 2022 in Aussicht gestellt. Am vergangenen Mittwoch wurde nun auch das Protokoll des Treffens, die sog. Fed Minutes, veröffentlicht. Wie diese ausführliche Zusammenfassung der Sitzung zeigt, plädierten mehrere Mitglieder des entscheidungsrelevanten Offenmarktausschuss sogar für eine noch schnellere Straffung der Geldpolitik als ohnehin schon verkündet.

An den Kapitalmärkten wurde das Protokoll daher als überraschend „falkenhaft“ interpretiert. Insbesondere die Aussicht, schon kurz nach einer ersten Leitzinserhöhung auch die Bilanz der Notenbank abzubauen, war so nicht erwartet haben. Zur Erläuterung: Durch die starken Ankäufe der vergangenen Jahre stehen vor allem Staats- und Hypotheken-Anleihen in enormer Höhe in den Büchern der Fed. Konkret ist die Notenbankbilanz seit 2019 auf rund 8,3 Billionen US-Dollar angewachsen, davon US-Treasuries in Höhe von 5,65 Billionen US-Dollar. Das entspricht rund einem Viertel des Marktes für US-Staatsanleihen. Würde die Fed diesen Berg abschmelzen lassen, käme also zusätzliches Netto-Angebot an den Rentenmarkt – eine mögliche Belastung für Anleihen und eine Quelle steigender Renditen (vgl. Kapitel „Renten“).

Die Fed als wichtigste Notenbank ist mit ihrem Kurs einer strafferen Geldpolitik nicht allein. In Europa hat beispielsweise die polnische Zentralbank in der abgelaufenen Handelswoche den Leitzins um weitere 50 Basispunkte erhöht, genauso wie ihr peruanisches Pendant. Es handelt sich also um einen weltweiten Trend.

Höhere Inflation in Deutschland und im Euroraum

Ein Grund dafür sind die hohen Inflationsraten. Das gilt nicht nur für die USA, sondern für weite Teile der Welt. Jüngstes Beispiel waren die am Dreikönigstag vorgelegten Zahlen für Deutschland. Nach vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamtes stieg der Verbraucherpreisindex im Dezember 2021 um 5,3 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat und damit stärker als von der Mehrheit der Analysten erwartet. Gegenüber dem Vormonat kletterten die Verbraucherpreise um 0,5 Prozent. Im Jahresdurchschnitt rechnet das Statistische Bundesamt mit einer Teuerung von 3,1 Prozent. Das wäre der höchste Wert seit 1993. Auch die am Freitag veröffentlichten Inflationszahlen für den Euroraum fielen hoch aus. Nach Angaben von Eurostat legte der Verbraucherpreisindex in der Währungsunion um 5,0 Prozent zu, leicht oberhalb der Novembermarke von 4,9 Prozent.

Konjunkturdaten etwas schwächer

Etwas schwächer fielen hingegen viele Konjunkturdaten aus. In den USA sank etwa der ISM-Index für das verarbeitende Gewerbe für Dezember von 61,1 auf 58,7 Punkte. Damit liegt der vielbeachtete Frühindikator aber immer noch deutlich über der Wachstumsschwelle von 50 Zählern. Zudem weisen einige Unterkomponenten darauf hin, dass die Lieferkettenengpässe und der resultierende Preisdruck in der Industrie nachlassen. Auch der US-Einkaufsmanagerindex für den Dienstleistungssektor ging deutlich zurück. Das Barometer sank von 69,1 Punkten auf 62,0 Zähler. Marktbeobachter sehen hier erste Effekte der stark angestiegenen Corona-Infektionszahlen in den USA. Dort hatte – wie in vielen anderen Ländern auch – die neue Variante Omikron zu einem sprunghaften Anstieg der Inzidenzen geführt.

    Aktien: Turbulenter Jahresstart

Die internationalen Aktienmärkte interpretierten die Nachrichten rund um Corona in der abgelaufenen Woche dennoch weitgehend positiv. Der Hintergrund: Die neue Mutation ist zwar deutlich ansteckender als die „Vorgängervariante“ Delta, führt aber nach aktuellen Studien wohl im Mittel zu weniger schweren Verläufen. Die Gesundheitssysteme kämen damit später an ihre Belastungsgrenze, was die Notwendigkeit neuer Kontaktbeschränkungen verringert. Einige Virologen sprechen sogar davon, dass die Omikron-Variante den Weg in eine endemische Phase der Corona-Krise ebnen könnte, die Situation künftig also mehr mit den bekannten Grippewellen vergleichbar wäre. Aufgrund dieser Logik kam es an den Börsen zu einem Favoritenwechsel. Unternehmen, die besonders von offenen Volkswirtschaften profitieren (wie Fluglinien oder Betreiber von Kreuzfahrtschiffen), konnten überdurchschnittlich stark zulegen. Sogenannte „Corona-Gewinner“ (wie zum Beispiel HelloFresh) waren hingegen in der Tendenz weniger gesucht.

„Value“ schlägt „Growth“

Hinzu kamen die Effekte aus der neu aufgeflammten Diskussion über eine straffere Geldpolitik. Denn: Höhere Zinsen führen in der Regel dazu, dass vor allem teuer bewertete Papiere überdurchschnittlich verlieren. Grund dafür ist die Bewertungslogik von Aktien, wo erwartete künftige Gewinne mit dem aktuellen Zinssatz auf den heutigen Tag umgerechnet („diskontiert“) werden. Steigen die Zinsen, dann sind künftige Gewinne heute weniger wert. Im Ergebnis kam es zu deutlichen Verlusten bei Wachstumswerten („Growth“), während substanzstarke („Value“) und zyklische Titel stark gesucht waren. Für Growth-Aktien war es im Ergebnis der schwächste Start ins Jahr seit 1995. So verlor der Russell 1000 Growth-Index rund 3,8 Prozent (Stand Freitagmittag), während der Russell Value Index um 0,5 Prozent stieg. Auf Indexebene zeigte sich ein ähnliches Bild. Der technologielastige Nasdaq Composite-Index fiel seit Jahresbeginn 4,0 Prozent und der marktbreitere S&P 500-Index 1,7 Prozent, während der industrielastige Dow Jones Industrial-Index, der mehr zyklische Werte enthält, nur 0,4 Prozent verlor. Die aktuelle Verkaufswelle traf besonders nicht-profitable US-Tech-Aktien.

Insgesamt beendeten die internationalen Aktienmärkte die Woche überwiegend im Minus, trotz positiver Marktbewegungen in den ersten beiden Handelstagen. Der deutsche Leitindex DAX konnte sich beispielsweise zwischenzeitlich seinem Allzeithoch von 16.290 Punkten nähern. Im Anschluss an die Veröffentlichung der Fed-Minutes gab das Barometer einen Großteil seiner Gewinne zwar wieder ab, behauptete sich aber oberhalb der Marke von 16.000 Zählern.

Elektromobilität treibt die Autokurse

Auf Einzeltitelebene stachen in der vergangenen Woche unter anderem Autoaktien hervor. So gab Tesla, der auf Elektro-Fahrzeuge spezialisierte Autobauer aus Kalifornien, seine Absatzzahlen für das vierte Quartal bekannt. Mit über 308.600 Auslieferungen wurde das sechste Mal in Folge ein Rekord aufgestellt. Die Aktie erzielte in einer ersten Reaktion ein Tagesplus von 13,6 Prozent, musste aber im Wochenverlauf einen Teil wieder abgeben. Zudem kündigte mit Ford ein traditioneller US-Hersteller an, die Lieferziele für die elektrische Variante des F-150 Lightning zu verdoppeln. Bei dem Verkaufsschlager des Herstellers handelt es sich um einen vor allem bei amerikanischen Autokäufern beliebten Pickup-Truck. Die Ford-Aktie reagierte mit Zugewinnen auf die Nachricht. Schließlich verkündete der japanische Elektronikhersteller Sony auf der Technik-Messe CES in Las Vegas, möglicherweise in das Geschäft mit Elektroautos einsteigen zu wollen. Auch hier waren Kursgewinne die Folge.

    Renten: Steigende Renditen in „sicheren Häfen“

Der Jahresauftakt hatte es auch an den Rentenmärkten in sich. Bereits am ersten Handelstag kam es zu Renditeanstiegen bei den „sicheren Häfen“. Es war der schlechteste Start in ein neues Jahr für diese Anlageklasse seit 2009. Nach der Vorlage der Protokolle der Dezember-Sitzung der US-Notenbank Fed wurde die Bewegung nochmals verstärkt. Am Anleihemarkt wird nun eine gestiegene Wahrscheinlichkeit (von rund 85 Prozent) für eine Leitzinserhöhung im März eingepreist, entsprechend ging es für die Renditen bei US-Staatsanleihen nach oben. Letztlich stieg die Rendite zweijähriger Treasuries gegenüber Ende Dezember um 14 Basispunkte (BP) auf 0,87 Prozent und damit auf den höchsten Stand seit Anfang März 2020. Die Rendite der zehnjährigen US-Treasuries legte 21 Basispunkte auf 1,72 Prozent (alle Angaben Stand Freitagmittag) zu.

Auch bei deutschen Bundesanleihen kam es zu einem Renditeanstieg, wenn auch weniger stark als bei den US-amerikanischen Pendants. Papiere mit zehnjähriger Laufzeit verzeichneten ein Plus von 12 Basispunkten auf -0,07 Prozent, während zweijährige Anleihen einen Renditezuwachs von knapp vier Basispunkten auf -0,62 Prozent verbuchten.

Wer wird in Rom Nachfolger von Präsident Mattarella?

In der europäischen Peripherie stand Italien im Blickpunkt. Dort läuft die Amtszeit des 80-jährgen Staatspräsidenten Sergio Mattarella am 3. Februar ab. Bislang ist noch völlig offen, wer seine Nachfolge übernimmt. Unter Kennern der politischen Lage in Rom werden immer wieder die Namen von Ex-Ministerpräsident Silvio Berlusconi (als Kandidat der konservativen Parteien) und dem aktuellen Premier Mario Draghi (als Vertreter progressiver Kräfte) genannt. Keines der Lager verfügt über eine Mehrheit in der am 24. Januar zusammenkommenden Versammlung von Parlament und Regionen, die den Staatspräsidenten bestimmt.

An den Kapitalmärkten wird die Möglichkeit eines „Amtswechsels“ von Ex-EZB-Chef Draghi mit einer gewissen Sorge betrachtet. Er steht für einen Reformkurs und kann bislang auf sehr gute Ergebnisse bei Wirtschafts- und Pandemieentwicklung verweisen. Würde er Mattarellas Nachfolger, würde das aus Sicht vieler Beobachter die politische Unsicherheit erhöhen. Italienische Staatsanleihen reagierten auf die Entwicklungen bislang jedoch kaum. Die im Fachjargon „BTP“ genannten Papiere mit einer Laufzeit von zehn Jahren verzeichneten mit 12 Basispunkte (auf 1,29 Prozent) einen ebenso großen Renditeanstieg wie deutsche Bundesanleihen.

    Ausblick auf die kommende Woche: US-Verbraucherdaten und deutsches BIP im Fokus

Die kommende Woche steht im Zeichen des US-Verbrauchers. Neben den Einzelhandelsumsätzen wird auch der Index zum Verbrauchervertrauen der Universität von Michigan veröffentlicht. Unter dem Gesichtspunkt der aktuellen Inflationsdebatte dürfte auch die Bekanntgabe der US-Verbraucherpreise am Mittwoch auf besondere Beachtung stoßen. In Europa stehen zudem die Zahlen zum Brutto-Inlandsprodukt (BIP) im Jahr 2021 in Deutschland und dem Vereinigten Königreich zur Veröffentlichung an.

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Stand aller Informationen, Darstellungen und Erläuterungen: 7. Januar 2022, soweit nicht anders angegeben.

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