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Carlos aus der Kiste - die neuesten Entwicklungen im Fall Ghosn

Die spektakuläre Flucht des Ex-Renault-Nissan-Chefs

Die spektakuläre Flucht des Ex-Autobosses Carlos Ghosn aus dem japanischen Hausarrest in den Libanon schlägt hohe Wellen. Hier sind die wichtigsten Fragen und Antworten - und neue Details.

Versteckte sich der Top-Manager wirklich in einem Instrumentenkasten?

Die ersten Berichte klangen fast schon zu abenteuerlich: In einem Instrumentenkasten soll Ex-Top-Manager Carlos Ghosn aus dem Tokioter Hausarrest geschmuggelt worden sein. Spätere Berichte stellten dies allerdings infrage, Ghosn soll auf Bildern einer Überwachungskamera allein sein Haus verlassen haben. Mittlerweile rückt die Kiste allerdings doch wieder in den Fokus.

Laut japanischen Medienberichten und dem "Wall Street Journal" (WSJ) soll Ghosn in der Kiste nämlich nicht aus seinem Haus, wohl aber durch die Sicherheitskontrollen am Flughafen Kansai in Osaka geschmuggelt worden sein. In den Boden der Box seien Luftlöcher für den Ex-Manager gebohrt worden, ein aktuelles Foto aus dem "WSJ" zeigt die Kiste mit Fingerabdruckpulver der türkischen Polizei. Sie sei am Istanbuler Atatürk-Flughafen in einem der Privatjets gefunden worden, mit denen Ghosn schlussendlich in den Libanon gereist sei.

Wie konnte diese Flucht gelingen?

Die japanischen Ermittler hatten sich abgesichert: Carlos Ghosn - einst gefeierter Schöpfer der weltgrößten Autoallianz Renault-Nissan-Mitsubishi, seit November 2018 aber unter Verdacht, sich auf Konzernkosten bereichert zu haben - schien in Tokio unter sicherem Hausarrest. Er musste 1,5 Milliarden Yen (12,5 Millionen Euro) Kaution hinterlegen, seine drei Pässe (aus Frankreich, Libanon und Brasilien) abgeben, eine elektronische Fußfessel tragen und sich permanent per Video überwachen lassen. Trotzdem machte er sich am Jahresende einfach aus dem Staub.

Die Nachrichtenagentur Reuters erfuhr am Samstag von drei mit der Angelegenheit vertrauten Personen, dass Ghosn seine Wohnung in Tokio verlassen habe, nachdem eine private Sicherheitsfirma die Überwachung des früheren Spitzenmanagers eingestellt habe. Die Firma sei von Ghosns früherem Arbeitgeber Nissan beauftragt worden. Ihre Aufgabe sei es gewesen herauszufinden, ob Ghosn Personen trifft, die mit den gegen ihn gerichteten Vorwürfen in Zusammenhang stehen.

Die drei Insider führten nun aus, Ghosns Anwälte hätten die von Nissan beauftragte Sicherheitsfirma aufgefordert, die Überwachung zu beenden. Sie warfen ihr demnach einen Verstoß gegen Ghosns Menschenrechte vor. Der ehemalige Manager habe eine Klage gegen die Firma geplant. Daraufhin sei die Überwachung am 29. Dezember beendet worden. Am 31. Dezember hatte Ghosn seine Flucht in den Libanon bekanntgemacht.

"Ich allein habe meine Abreise organisiert", behauptete Ghosn (65) in einem Statement am Donnerstag. Medienberichte, nach denen er sich nach dem Besuch einer Weihnachtskapelle in einem Instrumentenkasten versteckt haben solle, stehen im Widerspruch zu neueren Aussagen: Die Kameras der Ermittler hätten gefilmt, wie Ghosn am Montagmittag allein das Haus verließ.

Anschließend ging es laut dem japanischen Fernsehsender NHK mit dem Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen nach Osaka, wo der Wirtschaftspromi offenbar unerkannt Pass- und Sicherheitskontrolle an der Privatflieger-Lounge des drittgrößten japanischen Flughafens Kansai passierte. "Vielleicht hat er sich verkleidet", vermutete Flughafensprecher Kenji Takanishi am Freitag gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Schon im März hatte Ghosn ein japanisches Gefängnis als Arbeiter verkleidet verlassen, um Fragen der Journalisten zu entgehen. Aktuellere Medienberichte rückten nun allerdings wieder die Instrumentenkiste als Fluchtmittel ins Zentrum.

Von Osaka flog Ghosn mit zwei Privatjets der Gesellschaft MNG Jet über den Istanbuler Atatürk-Flughafen in die libanesische Hauptstadt Beirut. In der Türkei standen schon am Freitag sieben Angestellte und Piloten vor Gericht. MNG erklärte, ein Angestellter habe die Flugdokumente gefälscht, sodass Ghosns Name nicht in den Dokumenten erschien.

In den Libanon reiste der 65-Jährige angeblich legal ein, sodass die dortige Regierung keinen Anlass sieht, auf die nun erlassene internationale Suchanfrage ("red notice") von Interpol zu reagieren. Unklar ist, ob er einen Personalausweis oder einen zweiten französischen Pass benutzte, der jedoch in der Obhut seiner japanischen Anwälte verwahrt wurde. Sowohl die Anwälte als auch die französische und libanesische Regierung zeigten sich überrascht von der Flucht.

Warum gerade jetzt?

Ghosn nahestehende Informanten verbreiten, der Angeklagte habe sich zur Flucht entschlossen, als klar wurde, dass der Prozessbeginn auf April 2021 verschoben wurde. Obwohl in Japan fast alle Anklagen auch zur Verurteilung führen und selbst ein Freispruch von der Staatsanwaltschaft aufgehoben werden kann, sei er bis dahin entschlossen gewesen, seine Unschuld vor Gericht zu beweisen. Auch habe er das Kontaktverbot zu seiner Frau Carole nicht so lange ausgehalten.

Was hat Ghosn jetzt vor?

Er habe sich nicht der Justiz entzogen, sondern "Ungerechtigkeit und politischer Verfolgung", erklärte Ghosn schon am Dienstag. Und: "Jetzt kann ich endlich frei mit den Medien kommunizieren und freue mich darauf, in der kommenden Woche zu beginnen." Laut verschiedenen Quellen ist für Mittwoch (8. Januar) in Beirut eine Pressekonferenz geplant. Dieser Termin verspricht Brisanz für die Autowelt. Laut "Bloomberg" befragten vor allem die Nissan-Topmanager nach Bekanntwerden der Flucht am Dienstag panisch einander, wer wie viel wisse.

Schon im April 2018 hatte Carlos Ghosn eine Pressekonferenz angekündigt, um umfassend auszusagen. Da er kurz zuvor erneut - zum vierten Mal - verhaftet wurde, verbreiteten die Anwälte stattdessen eine vorbereitete Videobotschaft. Darin sprach Ghosn von einer "Verschwörung".

Aus Angst um ihren Job hätten Nissan-Manager, die das Geschäft nicht im Griff und keine Vision für die Allianz mit Renault hätten, ihn bei den Behörden angeschwärzt. Im Übrigen seien diese selbst es gewesen, die in die eigenen Taschen wirtschafteten. "Namen? Sie kennen die Namen." Genannt wurden diese in der veröffentlichten Version des Videos jedoch nicht. Das könnte Ghosn nun nachholen.

Einige der möglicherweise Beteiligten haben sich in der Zwischenzeit schon selbst in den Skandal verstrickt. Ghosns früherer Zögling und Nachfolger als Nissan-Chef, Hiroto Saikawa, trat im September 2019 zurück und gab zu, zig Millionen Yen zu viel kassiert zu haben - ohne eigenes Zutung, wie er betonte.

Vizepräsident Hari Nada, einst Ghosns rechte Hand und dann Hauptinformant der japanischen Staatsanwälte gegen ihn, wurde wegen ähnlicher Vorwürfe im Oktober degradiert, aber nicht entlassen.

Der mit Ghosn gemeinsam angeklagte amerikanische Vorstandskollege Greg Kelly muss sich nun alleine verteidigen - und hofft, dass der Prozess platzt, weil Ghosn nicht greifbar ist.

Der im Dezember neu angetretene Nissan-Chef Makoto Uchida, ebenfalls unter Ghosn aufgestiegen, steht bislang nicht im Zwielicht. Auch für ihn macht die Flucht des einstigen Förderers die ohnehin gewaltigen Aufgaben aber noch schwieriger. Uchida versucht eine schwierige Balance zwischen den Franzosen, die eine engere Allianz oder gar eine formelle Fusion wollen, und den auf Unabhängigkeit bedachten Japanern.

Ist Carlos Ghosn im Libanon sicher?

Bedingt. Zwischen Libanon und Japan besteht kein Auslieferungsabkommen - und ohnehin würde das Land einen eigenen Staatsbürger nicht ausliefern, ähnlich wie Frankreich. Für einen Teil der Libanesen gilt er als Nationalheld - ein auf globaler Bühne erfolgreicher Manager aus ihren Reihen.

Doch nur ein Teil sieht das so, und in dem politisch-religiös zerrissenen Land ist die Balance noch weitaus fragiler als je zwischen Renault und Nissan. Seine Verbündeten hat Ghosn im maronitisch-christlichen Lager von Präsident Michel Aoun, Noch-Außenminister Gebran Bassil und Noch-Justizminister Albert Serhan.

Wegen der seit Monaten andauernden Massenproteste gegen die korrupte Elite wird derzeit jedoch versucht, eine neue Regierung zu bilden. Laut manchen Medienberichten gilt nun auch Carlos Ghosn als Kandidat für ein Ministeramt, was ihm diplomatische Immunität gäbe - ausgerechnet ein der Korruption beschuldigter Topmanager, der seine neue Residenz in Beirut laut den japanischen Ermittlern auch schwarzen Kassen und Scheinfirmen auf Kosten von Nissan verdankt.

Aouns Macht stützt sich bislang auf eine Allianz mit der vom Iran unterstützten Hisbollah. Die dürfte es schwer haben, sich zu Ghosn zu bekennen. Nicht zuletzt, weil am Donnerstag libanesische Anwälte eine eigene Klage einreichten. Ghosn soll sich der im Libanon unter Strafe stehenden Kooperation mit Israel schuldig gemacht haben.

Ein Besuch im Nachbarland 2008, als Ghosn eine Kooperation von Renault mit dem damaligen Elektromobilitäts-Start-up Better Place besiegelte und auch die Staatsspitzen traf, gälte zwar als verjährt. Die Staatsanwälte in Beirut suchen jetzt aber tatsächlich nach Belegen für jüngere Kontakte.

Könnte Ghosn noch einmal als Topmanager antreten?

Sehr schwierig - zumindest sofern die USA Teil des Geschäfts sein sollen. Während Ghosn in Japan formell bislang als unschuldig gilt, hat sich die US-Börsenaufsicht SEC die Vorwürfe schon zu eigen gemacht. Carlos Ghosn und Kollege Greg Kelly sowie Nissan unterschrieben im September 2019 einen Vergleich. Vom Vorwurf, Zahlungen von 140 Millionen Dollar verschleiert und die Aktionäre irregeführt zu haben, kauften sie sich frei. Zu den Auflagen gehört auch, dass Ghosn für zehn Jahre kein Amt in einer US-Firma übernehmen darf.

Arvid Kaiser / manager-magazin.de

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