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Warum wir den digitalen Euro brauchen

Zeitalter des Blockchain-Geldes hat begonnen

2019 war für die Blockchain-Technologie sowie für Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ether trotz einiger extremer Ausschläge ein erfolgreiches Jahr: Die Rendite von Bitcoin betrug 100 Prozent - während die Rendite für Bankeinlagen weiter bei 0 Prozent verharrte und der Dax einen Zuwachs von 20 Prozent erzielte.

Getrieben durch die Blockchain-Strategie der Bundesregierung und das zum Anfang des Jahres in Kraft getretene "Kryptogesetz" etabliert sich die Blockchain-Technologie auch in Deutschland immer weiter. In diesem Jahr wird ein neues Thema ganz oben auf der Agenda stehen: der digitale Euro auf Blockchain-Basis.

Digitale Gedankenspiele der EZB - die Tokenisierung hat bereits begonnen

Die "Dematerialisierung" des Euro, auch Tokenisierung genannt, hat bereits begonnen: Erste Akteure, wie das deutsche Start-up Cash on Ledger und das isländische Fintech-Unternehmen Monerium, haben im vergangenen Jahr ihre E-Geld-Lizenzen dafür genutzt, einen regulierten, digitalen, Blockchain-basierten Euro zu emittieren.

Hierbei handelt es sich nicht um sogenannte Stablecoin-Projekte, also unregulierte Kryptowährungen, die an zugrunde liegende traditionelle Währungen gekoppelt sind, sondern um reguliertes E-Geld, das über eine Blockchain ausgegeben wird. Transaktionen über einen solchen Blockchain-Euro werden im Hintergrund automatisch über ein Geschäftsbankkonto im klassischen Finanzsystem verrechnet.

Vertreter der Bundesregierung, des Bankenverbands und der deutschen Wirtschaft fordern bereits öffentlich von der Europäischen Zentralbank (EZB) die Einführung eines digitalen Euro. EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat ankündigt, eine Task Force ins Leben zu rufen, um die Einführung eines von der Zentralbank herausgegeben digitalen Euro (Central Bank Digital Currency, CBDC) durchzuspielen. Ein kürzlich veröffentlichtes Arbeitspapier der EZB über einen solchen digitalen Euro legt nahe, dass die Notenbanker dabei auch eine Digitalwährung auf Blockchain-Basis für möglich halten.

Mehr Sicherheit, geringere Kosten

Digitales Zentralbankgeld hätte viele Vorteile. Zum einen könnte so die Sicherheit digitaler Zahlungen erhöht werden. Die Blockchain bietet als eine auf Kryptographie basierende, manipulationsresistente, dezentrale Datenbank eine sichere technologische Grundlage für finanzielle Transaktionen, da Zahlungen nachträglich nicht geändert oder manipuliert werden können. Zudem ist das Diebstahlrisiko des digitalen Geldes im Vergleich zu Bargeld deutlich geringer. Ein virtueller Geldbeutel lässt sich nicht so leicht entwenden wie ein realer.

Zudem sind grenzüberschreitende Finanztransaktionen im traditionellen System in der Regel ziemlich teuer. Nach Angaben der Weltbank kostet ein internationaler Geldtransfer im Durchschnitt sieben Prozent des Transaktionsvolumens an Gebühren und dauert häufig mehrere Tage. Auch bei Zahlungen innerhalb der eigenen Landesgrenzen sind schnelle Transaktionen in Echtzeit eher die Ausnahme. Zwar werden Echtzeitzahlungen für Privatkunden inzwischen von einigen Banken angeboten, allerdings zu sehr hohen Kosten. Durch eine Blockchain-basierte Zentralbankwährung ließen sich Transaktionsdauer und Transaktionskosten deutlich reduzieren.

Effizienzgewinne für die Industrie

Auch für Industrieunternehmen wäre die Einführung eines Blockchain-basierten Euro ein echter Game Changer. Ein großer Vorteil von Blockchain-Systemen ist, dass sie sogenannte Smart Contracts ermöglichen. Smart Contracts sind "Verträge" auf Blockchain-Basis, die bei Eintreten eines bestimmten Ereignisses selbstständig Folgehandlungen auslösen können - wie eine Wenn-dann-Funktion, ganz ohne menschliches Zutun. Zahlungen könnten automatisch ausgelöst oder weitergeleitet werden - und zwar in Sekundenschnelle. So lassen sich mithilfe dieser "automatisierten Verträge" hohe Effizienzgewinne erzielen. Derzeit basieren diese (noch) auf Kryptowährungen wie Ether, die sehr volatil und nicht reguliert sind. Deshalb zögern viele Unternehmen noch, Smart Contracts einzusetzen, da sie erhebliche Wechselkurs- und Rechtsrisiken fürchten. Die Einführung eines Blockchain-Euro würde diese Unsicherheit mit einem Schlag aus der Welt schaffen, da er im Wert nicht schwanken würde und reguliert wäre.

Für einen Blockchain-basierten Euro sind zahlreiche praktische Anwendungsmöglichkeiten denkbar: Autos könnten ihre Leasingraten dank digitaler Messung der gefahrenen Kilometer selbst bezahlen, Maschinen auf einer Pay-per-Use-Basis angeboten werden. Schätzungen zufolge werden 2025 mehr als 20 Milliarden Geräte direkt mit dem Internet verbundenen sein - dreimal mehr als Menschen auf der Erde leben. Einige dieser Geräte werden dann auch in ein Zahlungsnetzwerk integriert sein, das Hunderte von Millionen Autos, Sensoren und Maschinen umfassen wird. Die Blockchain-Technologie eignet sich am besten dafür, diese Vielzahl an Geräten mit einem Computerchip und damit auch mit einem eigenen Geldbeutel (Wallet) auszustatten. Durch einen Blockchain-Euro wären sie in der Lage, Zahlungen zu empfangen und Geld zu überweisen - und auch SAP-basierte und Rechnungen in Euro-Denominationen zu erstellen.

Treiber sein oder treiben lassen

Die Digitalisierung des Finanzsystems wird kommen, es stellt sich nur noch die Frage, wer am Ende die Kontrolle darüber haben wird. In Volkswirtschaften wie China oder Schweden wird bereits seit Jahren darüber diskutiert, eigene digitale Währungen einzuführen. In China dürfte es im nächsten halben Jahr schon so weit sein. Damit wäre China weltweit Vorreiter.

Europa sollte sich hier nicht abhängen lassen und selbst die Einführung eines digitalen Euro forcieren - ohne dabei den analogen Euro, sprich: das Bargeld, abzuschaffen. Zu groß sind die Vorteile in Bezug auf Sicherheit, Geschwindigkeit und Gebühren von Transaktionen. Zudem ist der digitale Euro der nächste logische Schritt, um die Digitalisierung der Industrie weiter voranzutreiben. Dank solider technologischer und regulatorischer Vorarbeiten hat es Europa nun selbst in der Hand, dabei aktiv zu werden, eine digitale Währung von Weltrang voranzutreiben und sich als globaler Pionier zu positionieren. Oder zuzusehen, wie andere es tun werden.

Philipp Sandner ist Professor an der Frankfurt School of Finance & Management und leitet dort das Frankfurt School Blockchain Center (FSBC). Jonas Groß ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Projektmanager am Frankfurt School Blockchain Center und Doktorand an der Universität Bayreuth. Gastkommentare geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder.

Philipp Sandner / manager-magazin.de

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