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So unterscheiden sich gute und schlechte Schulden

Anlageprofi Robert Halver erklärt

Schulden sind in Amerika so beliebt wie Hamburger im Schnellrestaurant. Dort gibt es sogar Bonuspunkte, wenn man möglichst früh und regelmäßigen Kreditverkehr hat. Da ist es kein Wunder, dass sich alle privaten und staatlichen Kreditgattungen auf Allzeithochs befinden.

Auch in der Eurozone, etwa in Italien, wird eine beispiellose und weiter steigende Staatsverschuldung achselzuckend hingenommen. Finanzstabilität ist sicher nicht in Rom erfunden worden. Dagegen wird in Deutschland Stabilitätskultur zelebriert. Wir sind die einzige große Industrienation mit (noch) staatlichen Überschüssen.

Wofür werden die Schulden verwendet?

Ist es nicht verwunderlich, dass ausgerechnet die USA und China mit ihren vergleichsweise hohen Wachstumsraten trotzdem die höchsten Haushaltsdefizite aufweisen? Müsste ihre große Wirtschaftskraft die Staatskassen nicht regelrecht fluten?

Doch mit fortgesetzter Schuldenaufnahme wollen sie ihre Konjunkturstärke nicht nur erhalten. Über Steuersenkungen, modernste Logistik, schnelle Netze, Bildung, Digitalisierung und staatliche Förderung von nationalen Industrie-Champions wollen beide Länder im globalen Standortwettbewerb und bei der industriellen Revolution 4.0 die Oberhand gewinnen.

Das direkte Gegenteil ist Italien, das seine neuen Schulden beherzt "anders" investiert. Um sich bei den Wählern beliebt zu machen, verteilt die römische Regierung Geschenke in Form von vorzeitigen Pensionierungen und hohen Grundeinkommen. Wirtschaftsreformen? Mangelware!

Deutsche Haushaltsüberschüsse als finanzpolitischer Fetisch

Deutschland macht mit seinen Schulden nichts, denn es macht ja keine mehr. Gegen eine stabilitätsorientierte Finanzpolitik ist nichts einzuwenden. Doch wenn man sich für die wirtschaftliche Zukunft fit machen muss, machen ideologische Haushaltsdisziplin oder gar Kaputtsparen keinen Sinn. Das gilt umso mehr, als Deutschland, das in den letzten Jahrzehnten die Industriewelt fast absolutistisch beherrschte, jetzt in seinen Vorzeigebranchen von der amerikanisch-chinesischen Palastrevolution angegriffen wird.

Warum wurden die Haushaltsüberschüsse nicht für knallharte Standortverbesserungen verwendet? Hohe Steuern, löchrige Straßen und marode Schienenwege, ein Bildungssystem, das durch Stunden- und Heizungsausfall glänzt, die vielfach erbärmlichen Netzqualitäten und eine Digitalisierung, die von der Politik stiefmütterlich behandelt wird, sind keine Anreize, in Deutschland zu investieren. 2018 ist die deutsche Wettbewerbsfähigkeit sogar im Vergleich zu Griechenland und Spanien zurückgefallen.

Wenn es Brei vom Notenbank-Himmel regnet, muss man einen Löffel haben

Überhaupt, warum hat sich Deutschland in den guten Zinsjahren nicht massiv verschuldet? Bund und Länder mussten für neue Schulden keine Kreditzinsen zahlen, sondern vereinnahmten "Anlagezinsen". Und obendrein hat die EZB die Schulden auch noch aufgekauft. Seit Beginn der "segensreichen" Zins- und Geldpolitik von Mario Draghi hat Deutschland weit über 300 Milliarden Euro an Zinszahlungen eingespart. Welche fabelhafte Industriepolitik wäre auch nur mit der Hälfte möglich gewesen.

Nimmt man die offizielle Inflationsrate hinzu, werden auch aktuell die Schulden real ähnlich aufgefressen wie grüne Wiesen von Heuschrecken.

Deutschland muss in seine Vermögenssubstanz investieren

Die immer noch real existierende Zins-Happy-Hour muss zum konsequenten Aufbau eines wettbewerbsfähigen deutschen Weltklassestandorts von Flensburg bis Garmisch-Partenkirchen und von Aachen bis Cottbus verwendet werden.

Denn wenn die Standortfaktoren stimmen, würden nationale und internationale Unternehmen gerne bei uns investieren und die hier ansässigen kämen erst gar nicht auf die Idee, mit amerikanischen oder asiatischen Standorten fremdzugehen. Übrigens, dann kommt es auch zur Sicherung und zum Aufbau einkommensstarker, nicht nur prekärer Beschäftigung, zu ordentlichem Wirtschaftswachstum und Steuereinnahmen, mit denen man den Sozialstaat nachhaltig erhalten und Schulden mühelos tilgen kann. Jeder Kleingärtner weiß, dass man nur ernten kann, wenn man vorher gesät hat.

Im privaten Bereich ist es ja auch nicht verwerflich, wenn man ein Haus oder eine Wohnung fremdfinanziert. Das sind gute Schulden, da den im Zeitablauf auch über Inflation abnehmenden Schulden ein Vermögen gegenübersteht. Schlechte Schulden sind es dagegen, wenn man auf Pump hemmungslos prasst. Während solche Sausen schnell beendet sind, hat man am Zins-und Tilgungsdienst noch lange Freude.

Es geht immer um den Verwendungszweck

Bei neuen Staatsschulden muss man also immer die Frage stellen: Für Investitionen oder Konsum?

Vor diesem Hintergrund sollte die EU auch Ländern wie Italien großzügig entgegenkommen, etwa um dessen spätrömische Infrastruktur rundzuerneuern. Wie soll der Stiefel - der in diesem Jahr in die Rezession abzustürzen droht - ansonsten jemals die brutale Globalisierung überleben? Schneekugeln mit Petersdom-Motiven, kulinarische Genüsse oder römische Ruinen allein bieten der italienischen Bevölkerung keine wirtschaftliche Prosperität.

Wie bei der US- und mittlerweile bei der chinesischen Notenbank wird auch die EZB ihrer Rolle nicht entfliehen können, diese guten Schulden günstig zu refinanzieren. In Europa muss der Kamin weiter rauchen, sonst werden immer größer werdende soziale Probleme Europa schließlich einer Zerreißprobe aussetzen.

Für schlechte Schulden, für Dolce Vita, darf jedoch kein Eurocent von unserer Notenbank kommen.

Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG.

Robert Halver / manager-magazin.de

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