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Wie sich Mittelständler jetzt aufstellen müssen

Digitale Strategien nach Corona

Angesichts der Auswirkungen des Coronavirus auf alle Lebensbereiche fällt es schwer, auch positive Effekte zu erkennen. Doch tatsächlich ergeben sich für den Mittelstand in Deuschland aus dieser Krise einige Chancen. Die Erkenntnis, dass ein Aufschieben der Digitalisierung Unternehmen ins Hintertreffen geraten lässt, ist so transparent wie nie. Und so kann man Corona auch als Turbo sehen, der es erleichtert, Veränderungen einzuleiten, die Produktivität zu erhöhen und Umsatzeinbußen zu kompensieren. Mittelständler sollten einige wesentliche Unternehmensbereiche einer gründlichen Prüfung unterziehen - unabhängig davon, ob sie zu den Gewinnern oder Verlierern der Krise zählen.

Weg mit den Desktop-Computern

Es klingt banal, ist aber ein reales Problem: Viele mittelständische Unternehmen haben die Investitionen in Notebooks für ihre Mitarbeiter gescheut - was jetzt dazu führt, dass Teammitglieder nicht von zu Hause arbeiten können. Wer im Büro nur Desktop-Computer vorhält, verfügt während einer Pandemie über keine nutzbaren Arbeitsplätze mehr. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Pandemie die Mitarbeiter dauerhaft davon abhält, ins Büro zu kommen, ist zum Glück gering. Doch die Möglichkeit, dass fehlende Notebooks zeitweilig zum vollständigen Stillstand des Unternehmens führen und somit eine existenzielle Gefahr darstellen können, sollte bedacht werden. Notebooks sind nach 36 Monaten vollständig abgeschrieben - und spätestens seit Corona für alle Mitarbeiter unumgänglich.

Technologisch konstant am Ball bleiben

Als ich 1999 mein erstes Start-up gründete, war eine Person aus dem Gründerteam mit zwei weiteren IT-Spezialisten konstant damit beschäftigt, die IT Infrastruktur am Laufen zu halten. Was vor 20 Jahren drei Vollzeitstellen auslastete, wird heute mit einem Klick durch die Clouddienste von Amazon oder Microsoft erledigt. Wer in der Welt der digitalen Tools nicht permanent auf dem neuesten Stand ist, zwingt seine Mitarbeiter in zähe Arbeitsprozesse, senkt die Produktivität und erhöht die Kosten. Insofern sind alle Technologietipps dieses Artikels nur für den aktuellen Zeitabschnitt zu sehen. Technologien und Tools müssen in einen konstanten Erneuerungsprozess eingebettet sein und im Rhythmus von drei bis fünf Jahren überprüft und gegebenenfalls angepasst werden.

Das Standard-Office-Paket reicht nicht mehr

Wer seinen Rechnerpark in den 1990ern eingerichtet und neben Windows noch Microsoft Office installiert hat, war damals technologisch State of the Art. Heute sieht man produktivitätsseitig damit aus, als führe man sein Unternehmen auf Basis eines Commodore C64. Neben den für Videokonferenzen notwendigen Tools wie Zoom, Skype, WebEx oder Teamviewer braucht es heute eine Kommunikationssoftware, um Mitarbeitern eine gute Zusammenarbeit zu ermöglichen, egal ob sie gerade im Head- oder im Homeoffice sind. Produkte wie Slack, Microsoft Teams, Circuit oder Flowdock ermöglichen den direkten oder projektbezogenen Austausch und die Integration von E-Mails. Wer einmal einen völlig neuen Ansatz zur klassischen Mailadresse prüfen will, kann sich das gerade veröffentlichte hey.com ansehen, das umfangreiche Tools gegen Spam anbietet, aktuell allerdings eher für den privaten Gebrauch interessant ist.

Als Alternative zu Kundenlisten über Access oder Excel sind genutzte Clouddienste wie Pipedrive, Hubspot, Bitrix24, Notion oder Zoho eine empfehlenswerte Alternative. Interessant bei den drei letztgenannten Anbietern ist der Ansatz, dass sie einen Plattformgedanken verfolgen und somit alle firmenübergreifenden Tools anbieten, die ein mittelständisches Unternehmen heutzutage benötigt. Interessant ist auch ein Blick in die Entwicklung der Buchhaltungssoftware, die sich in den vergangenen drei Jahren stark verändert hat. Programme wie Lexware, Candis oder Sevdesk sind direkt in das Bankkonto integriert und erkennen ergänzend Rechnungen und Belege auf Basis maschinellen Lernens mittlerweile so gut, dass sich die Mitarbeiter in der Finanzabteilung wesentlicheren Aufgaben widmen können. Durch aktuelle Technologie kann entsprechend Personal eingespart werden oder Manpower für Kunden- und Umsatzsteigerung wird frei.

Homeoffice als Zukunftschance

Corona hat viele Firmen dazu gezwungen, Teile oder sogar die gesamte Belegschaft ins Homeoffice zu verlegen. Und viele Mitarbeiter schätzen das Arbeiten von zu Hause aus sogar. Wer hätte das gedacht? Vielen Unternehmenslenkern wurde die Chance, die Heimarbeit bietet, erst durch die Krise richtig bewusst. Und das, obwohl einige Start-ups im Silicon Valley schon seit Jahren ganz auf einen festen Firmenstandort verzichteten und alle Mitarbeiter von zu Hause aus arbeiten lassen. Persönliche Treffen finden, wenn nötig, in Co-Working-Spaces oder speziell für Meetings angemieteten Büros statt.

Bei der Produktion physischer Güter funktioniert das natürlich nicht, aber jede Form von digitaler Produktion verläuft mit den richtigen Werkzeugen deutlich besser, als die meisten Manager vor Corona noch dachten. Wichtig ist hier zu verstehen, dass dies keine Frage von ganz oder gar nicht ist, sondern jeder einzelne Schritt der Wertschöpfungskette betrachtet werden muss. Wenn für einen bestimmten Wertschöpfungsschritt die zeitgleiche Anwesenheit in einem Büro nicht notwendig ist, kann man diese Kostenposition einsparen - und für das Teambuilding auf Events und persönliche Treffen ausweichen.

Wer seine Entscheidung zum Thema Homeoffice heute noch von der Angst abhängig macht, dass Mitarbeiter zu Hause nicht vernünftig arbeiten würden, dem lege ich nahe, sich die Visualisierung der Arbeit von Softwaremitarbeitern an Projekten anzusehen. Genauer als digital kann man jeden einzelnen Arbeitsbeitrag durch einen Gang durchs Büro sicherlich nicht nachverfolgen, und diese Nachverfolgbarkeit wird sich auf viele andere Arbeitsbereiche ausweiten. Und übrigens: Wenn nur 10 bis 20 Prozent der Arbeit in Zukunft von zu Hause aus erledigt wird, ist klar, was mit der Nachfrage nach innerstädtischen Büros passiert - und mit deren Preisen.

Die Provinz wird zum Standortvorteil

Wenn man die Themen Homeoffice und digitale Tools einmal umarmt hat, wird offenkundig, welche Chancen sich für Mittelständler im Personalbereich ergeben. Seit Jahren ist es ein Problem für Unternehmen außerhalb der großen Ballungszentren, genügend qualifizierte Mitarbeiter im Technologiesektor oder im Bereich digitales Marketing zu finden. Wer Heimarbeit als Normalfall akzeptiert und die notwendige Technik gut genug aufsetzt, wird künftig keine Schwierigkeiten mehr haben, Fachkräfte aus der Großstadt anzuwerben - weil sie nun nicht mehr umziehen müssen.

So hat beispielsweise Twitter durch die Corona-Krise erkannt, dass Incentives wie kostenloses Essen oder Entertainmenträume allesamt gegen das Angebot verblassen, von zu Hause aus arbeiten zu dürfen. Für einen Mitarbeiter am Twitter-Stammsitz in San Francisco bedeutet dies nämlich, dass er problemlos seine teure Stadtwohnung aufgeben und in die Peripherie ziehen kann, wo er nur die Hälfte an Miete zahlt. Oder den Zweitwagen abschaffen, da der tägliche Weg zur Arbeit entfällt. In der Konsequenz entschied sich Twitter, allen Mitarbeitern die Möglichkeit anzubieten, die Arbeit dauerhaft ins Homeoffice zu verlegen.

Eine Entwicklung, die auch in Deutschland und Europa Einzug halten und dafür sorgen wird, dass viele begehrte Fachkräfte aus Berlin, Hamburg, München oder Leipzig künftig virtuell für mittelständische Firmen arbeiten werden - egal wo diese ihren Sitz haben. Sowohl die höhere Produktivität als auch die Bereitschaft der Mitarbeiter, für die Möglichkeit, von zu Hause zu arbeiten, auf höhere Gehälter zu verzichten, würden sich auf der Kostenseite positiv bemerkbar machen.

Das Richtige tun

Die Krise bringt auch die Strategiefrage für mittelständische Firmen neu aufs Tapet. Mache ich das Richtige? Und wenn ja: Mache ich es richtig? Amazon hat sich bei seiner Gründung 1994 das Ziel gesetzt, das Unternehmen mit der weltbesten Kundenfokussierung zu werden. 20 Jahre akzeptierte Gründer Jeff Bezos niedrige Gewinne und sogar Verluste, weil er verstanden hatte, dass es viel Zeit und Geld kosten würde, sein disruptives Geschäftsmodell durchzusetzen. Heute ist Amazon mit kaum einholbarem Abstand der größte Online-Handelskonzern der Welt.

Für Mittelständler, die glauben, dass ihr Produkt oder Geschäftsmodell sich in den nächsten Jahren dem Ende seines Lebenszyklus nähern könnte, ist deshalb heute der richtige Zeitpunkt, Investitionen in ein komplett neues Geschäftsfeld zu tätigen und dieses auf kleiner bis mittlerer Flamme langfristig wachsen zu lassen. So wie der Fleischproduzent Rügenwalder, der Anfang des vergangenen Jahrzehnts erkannte, dass der Fleischkonsum zurückgehen und die Nachfrage nach vegetarischen Produkten steigen würde. Heute ist er Marktführer für vegane Wurstprodukte in Deutschland.

Was in der Retrospektive aussieht wie ein logischer Schritt, war tatsächlich ein strategischer Geniestreich, vergleichbar mit Nokias Entwicklung vom Gummistiefelhersteller zum Handyproduzenten. Vielen deutschen Konzernen gelingt so etwas nicht. Rügenwalder erzielt mittlerweile ein Drittel seines Umsatzes mit Fleischersatzprodukten. Und die jüngsten Corona-Ausbrüche in Schlachtbetrieben dürften ein zusätzlicher Turbo für den Verkauf vegetarischer und veganer Produkte sein.

Strategisch führen

Wer in Generationen denkt, hat die Chance, die Endlichkeit bestehender Geschäftsmodelle zu erkennen, eine langfristige Perspektive einzunehmen und in immer neue Entwicklungen zu investieren. Dies ist ein großer Vorteil des deutschen Mittelstands gegenüber börsennotierten Unternehmen. Deren Vorstände und Geschäftsführer werden meist nur auf drei bis fünf Jahre bestellt, weshalb man von ihnen nicht erwarten kann, dass sie das nächste Zoom erfinden. Der Mittelstand hat die besten Voraussetzungen, zum Motor künftiger Innovationen zu werden. Also: Investieren Sie!

Patrick Setzer ist Gründer der digital entry GmbH, die Unternehmen bei Planung, Aufbau und Kauf von innovativen Startups unterstützt. Er ist seit 20 Jahren im digitalen Sektor tätig, hat als Unternehmer selbst zwei Technologiefirmen gegründet, in Start-ups investiert und war in verschiedenen Dax- und TecDax- Unternehmen als Manager von Wachstumsfeldern tätig. Zuletzt leitete er zwei Mobilitätsdienstleistungs-Bereiche bei BMW.

Patrick Setzer / manager-magazin.de

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