Source: https://www.union-investment.de/blog/digitalisierung_und_zukunft
Welche Rolle spielen Stablecoins im Kontext der US-Währungs- und Finanzpolitik? Eine Einschätzung, wo die Kryptowährungen Potenzial haben und wo sie auf Hindernisse stoßen dürften.
Donnerstag, 20.08.2026
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Stablecoins gewinnen als Instrument der US-Währungs- und Finanzpolitik an Bedeutung.1 Denn Stablecoins sind Kryptowährungen, die darauf ausgelegt sind, einen stabilen Wert gegenüber einem Vermögenswert oder einem Korb von Vermögenswerten aufrechtzuerhalten. Wie sie funktionieren und welche Vorteile und Risiken sie aufweisen, haben wir im Blogbeitrag „Kurzlebiger Trend oder langfristige Anlagechance?“ beleuchtet. Für die USA sind Stablecoins längst Teil einer währungs- und finanzpolitischen Strategie geworden.2 Deren Erfolg hängt auch davon ab, ob die Kryptowährungen in der Breite genutzt werden. Sie haben Chancen, doch in manchen Bereichen bestehen Hindernisse.
Rund 90 Prozent aller Stablecoins sind an den US-Dollar gekoppelt.3 Sie ermöglichen es, an die amerikanische Währung gebundene Token auf die Blockchain zu bringen, was den Dollar weltweit zugänglicher macht. „Je stärker sich Stablecoins weltweit verbreiten, desto mehr Menschen und Unternehmen können US-Dollar-gekoppelte Token halten und übertragen“, sagt Theresa Kalbfleisch, Economist bei Union Investment. Das ist besonders in Schwellen- und Entwicklungsländern relevant. Dort ist der Zugang zum US-Dollar häufig eingeschränkt, während die heimische Währung oft durch Inflation an Wert verliert.
Theresa Kalbfleisch, Volkswirtin
Theresa Kalbfleisch arbeitet seit Oktober 2024 als Economist bei Union Investment. In der Gruppe Economics und Macro Strategy beschäftigt sie sich mit thematischem Research.
Zudem müssen viele regulierte Stablecoin-Emittenten Reserven vorhalten, um die Wertbindung ihrer Token abzusichern. Bei großen US-Dollar-gekoppelten Stablecoins bestehen die Reserven häufig zu einem erheblichen Teil aus kurzlaufenden US-Staatsanleihen, Repos sowie Bargeld und Bankeinlagen. Wächst der Bestand an Stablecoins, kann dies die Nachfrage nach kurzlaufenden US-Staatsanleihen erhöhen. Dies könnte wiederum die Kosten der USA für die weitere Kreditaufnahme begrenzen.
Allerdings führt eine häufigere Nutzung von Stablecoins nicht automatisch zu einem wachsenden Marktvolumen. Für den beschriebenen Effekt wäre entscheidend, dass Nutzerinnen und Nutzer Stablecoins nicht nur für einzelne Zahlungen erwerben, sondern sie längerfristig halten. Erst dann würde die Nachfrage nach Stablecoins und damit tendenziell auch nach US-Staatsanleihen zunehmen.
Repos (Repurchase Agreements) sind besicherte kurzfristige Finanzierungs- und Anlagegeschäfte, bei denen Wertpapiere vorübergehend gegen Liquidität übertragen und später zu einem vorher vereinbarten Preis zurückgekauft werden.
Können Stablecoins einen echten Mehrwert bieten? Im inländischen Zahlungsverkehr entwickelter Volkswirtschaften ist das nur eingeschränkt der Fall. „Konsumentinnen und Konsumenten verfügen dort über eine gute Zahlungsinfrastruktur: Kreditkarten werden flächendeckend akzeptiert, bieten häufig Bonusprogramme und Kreditrahmen“, sagt Theresa Kalbfleisch.
Besser sind die Aussichten im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr. Internationale Banküberweisungen können je nach Korridor, Währung und beteiligten Instituten teuer und langsam sein, unter anderem, weil sie häufig über mehrere beteiligte Banken oder Zahlungsdienstleister abgewickelt werden, bei denen Gebühren anfallen können. Das trifft besonders auf Länder zu, in denen das Finanzsystem nicht gut entwickelt ist. Das verteuert Überweisungen von Menschen, die im Ausland arbeiten und Geld an ihre Familien im Heimatland schicken. Allein im Fall von Deutschland betrugen diese Rücküberweisungen nach Angaben der Bundesbank im Jahr 2025 rund 8,5 Milliarden Euro.4 Stablecoins können dagegen direkte, schnelle und günstige Transfers von Nutzerin zu Nutzer ermöglichen.
Gerade jene Länder, die weniger entwickelte Bankensysteme haben oder eine hohe Inflation aufweisen, bieten Potenzial für eine stärkere Verwendung von Stablecoins: Insbesondere Stablecoins, die an die Weltleitwährung US-Dollar gekoppelt sind, könnten eine Alternative zur lokalen Währung darstellen. Die Wachstumsaussichten bleiben dennoch begrenzt: Die Menschen in vielen solcher Länder verfügen – trotz der Unterstützung aus dem Ausland – über eine geringe Kaufkraft.
Die Kryptowährungen sind für Konsumentinnen und Konsumenten nicht risikolos, wie im Blogbeitrag „ Kurzlebiger Trend oder langfristige Anlagechance? “ bereits beschrieben wurde. Für Banken entsteht ein strukturelles Problem: Das Geld, das Kundinnen und Kunden dauerhaft in Stablecoins halten, fehlt als Bankeinlage. Die Einlagen sind die Basis für die Kreditvergabe. Wenn sie abnehmen, könnten die Finanzierungskosten der Kreditinstitute steigen und ihre Möglichkeiten zur Kreditvergabe sinken. Dieses sogenannte Disintermediationsrisiko wäre besonders groß, wenn Stablecoins nicht nur für Zahlungen, sondern dauerhaft als Wertaufbewahrungsmittel genutzt würden. Auch die Geldpolitik könnte an Durchschlagskraft verlieren. Verändern sich die Leitzinsen, beeinflusst das die Konditionen für Einlagen und Kredite und damit das Spar-, Konsum- und Investitionsverhalten. Wenn sich ein wachsender Teil des Geldes außerhalb des Bankensystems bewegt, könnte dieser Übertragungsweg schwächer werden.
Noch ist der Stablecoin-Markt mit rund 310 Milliarden US-Dollar relativ klein5, doch die beschriebenen Risiken würden mit einem höheren Marktvolumen zunehmen. Stablecoins haben dennoch Potenzial: Im internationalen Zahlungsverkehr ist eine stärkere Nutzung realistisch. „In entwickelten Volkswirtschaften ist es aber unwahrscheinlich, dass Wallets in der Breite das Bankkonto verdrängen“, sagt Theresa Kalbfleisch. Die amerikanische Strategie, über an den US-Dollar gekoppelte Stablecoins die globale Dominanz der heimischen Währung zu stärken, dürfte deshalb nur teilweise aufgehen. Denn dem entgegen steht ein anderer Effekt: Viele Länder wollen aus geopolitischen Gründen ihre Abhängigkeit von den USA unter Trump reduzieren. Damit dürfte auch der US-Dollar international tendenziell an Bedeutung verlieren.
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Quellen:
[1] US-Finanzminister Scott Bessent sagte auf dem White House Crypto Summit im März 2025, dass die USA Stablecoins nutzen würden, um die Dominanz des US-Dollar in der Welt zu sichern ( Trump speaks at the White House Crypto Summit , ab Minute 18). [2] Das Weiße Haus formuliert den Anspruch im zugrunde liegenden GENIUS Act wie folgt: „The GENIUS Act will generate increased demand for U.S. debt and cement the dollar’s status as the global reserve currency by requiring stablecoin issuers to back their assets with Treasuries and U.S. dollars. Additionally, the GENIUS Act will play a key role in attracting more digital asset activity to the country by providing clear rules and promoting responsible innovation in the stablecoin market.“ Aus: Fact Sheet: President Donald J. Trump Signs GENIUS Act into Law – The White House . [3] Siehe fortlaufend aktualisierte Statistik unter: Stablecoin Market Cap Chart, Supply & Peg Data - DefiLlama , zuletzt aufgerufen am 11.08.2026. [4] Zahlen entnommen aus der aktuellen Zahlungsbilanz der Deutschen Bundesbank: bundesbank.de/resource/blob/809336/895ee9a5926d185a07980659ed197534/472B63F073F071307366337C94F8C870/heimtueberweisungen-und-arbeitnehmerentgelte-data.xlsx [5] Aktuelle Marktkapitalisierung laut CoinMarketCap , zuletzt abgerufen am 30.07.2026.
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